Vitzentzos Kornaros

Erotokritos
Abrahams Opfer

Kretisches Theater des 17. Jahrhunderts:
Zwei ausgewählte Passagen

Im Versmaß ins Deutsche übertragen von Helmut Schareika

Näheres zu Vitzentzos Kornaros siehe hier.


Erotokritos

D 1993-2016

Vlantistratos

                                                               Liebster Neffe
steh, bitte, wieder von dort auf, so rette mich und hilf mir!
Erwähl von allen Waffen dir dein Roß und deine Lanze,
steh auf, und kämpfe mit dem Tod und laß ihn dich nicht holen!
Aristos, wieso ließt du zu, daß Charon dich besiegte?
Sag, deine Schönheit, soll sie denn im Hades häßlich werden?
Doch klag nicht, bitte, über mich und quäl dich nicht im Herzen,
daß ich dermaßen in Gefahr dein Leib und Leben brachte.
Denn was ich seh, erahnt’ ich nicht, ich dachte, du wirst siegen,
warst doch imstande, ganz allein mit Tausenden zu kämpfen.
Und hätte ich den Schmerz gewußt, der mich zum Weinen brächte:
all meine Städte hätte ich, mein ganzes Reich gegeben,
damit du niemals Schaden nähmst — bei einer solchen Schönheit,
da hofft’ ich allerlei Gewinn und große Ehr zu haben.
Doch da das Schicksal es gewollt, und du so umgekommen:
Ich bitte, klag nicht über mich im Hades, wenn du dort bist.
Verflucht, daß ich den Plan gefaßt, zum Kriege aufzubrechen
aus meinem Land, der Walachei, mit Mann und Roß und Wagen.
Daß Städte, Dörfer ich verlor, in Sklaverei gefallen:
nein, alles dieses schmerzt mich nicht, es kann mich nicht bedrücken,
all diese Wunden heilt die Zeit, sie wird sie bald verwischen,
wie schnell ist doch so oft verlorn, was wir heute erwerben.
Doch daß du, Neffe, fortgehst, ja, das bringt mir große Schmerzen,
und was der Tod mir einmal nahm, bringt er mir nie mehr wieder.

 

Abrahams Opfer

29-94

Abraham
0 weh, Entsetzen hält mich fest, Schwindel hält mich umfangen,
kann nicht mehr sagen: bin ich wach, oder im Traum versunken?
O, welche Nachricht brachtest du, mein Engel, von dem Throne
Gottes des Herrn und heißest mich zu tun, was mir unmöglich?
König des Himmels, großer Gott, was hören meine Ohren?
Was ist das, was du da befiehlst auf meine alten Tage?
Wie soll’n das meine Augen sehn? die Hände das ausführen?
Mithelfen soll mein Körper da, der zittert wie ein Strohhalm?
Wie, soll ich so verwegen sein und dazu Lust verspüren?
Soll grad mit eines Löwen Herz den Sohn mir niederschlachten?
Ich soll ihn hier zu Füßen sehn gleich einem Zicklein zucken?
wie einen Ochsen brüllen hör’n, wie einen Fisch sehn zappeln?
O jener Segen, den du mir und meiner Sarah gäbest —
laß doch nicht zu, daß jetzt aus ihm Not und Verwünschung werden!
Es sah schon aus, als sollte mir Sarah kein Kind mehr schenken,
denn sie war alt — zu alt dafür —, es konnte nicht mehr gehen.
Doch als ich mich mit ihr verband, sprachst du, und sie wurd schwanger,
durch deinen göttlich Will’n und Wunsch wurd die Natur umgangen.
Da hofften wir Armseligen, wenn dann das Kind geboren,
daß es durch deine Gnad allein mög wachsen und gedeihen.
Und nun? was ist dein Anlaß jetzt, daß du den Plan geändert,
dein Mitleid so verschwunden ist und deinen Zorn du brachtest?
O Herr, so hab Mitleid mit mir, o siehe meine Tränen,
zum harten Vater mach mich nicht auf meine alten Tage.
Doch wenn für Sünden deine Gnad solche Vergeltung fordert:
so strafe mich doch, Abraham! was hat das Kind gesündigt?
Bereit mir große Armut, Herr, und Siechtum und viel Schulden,
doch meinen Sohn, den rette mir vor diesem Opfertode.
Du schenktest Pferche mir so viel, die ich die meinen nenne,
und einen reich’ren Mann als mich kenn ich nicht hier auf Erden.
All jener Reichtum, jenes Gut sei’n dir zurückgegeben,
doch dieses Opfer, das du willst, erhöre mich, das schenk mir.
So nimm, o Gott, mich, Abraham, mit dem, was ihm zu eigen —
nur leben laß mir Isaak, daß er dir stetig diene.
O lösch mir nicht die Freude aus, die ich erleben durfte,
als mir mein Sohn auf Erden ist durch deine Huld erschienen.
Und wenn ich nun gesündigt hab, Verbrechen hab begangen,
so lasse doch nicht Isaak für meine Fehler zahlen!
Elendes Haus du Abrahams, wer könnt’ dich so verfluchen,
in welches Unglück stürztest du, in welchen Sturm, welch Tosen?
Die Mutter, die Unselige, sie schläft und weiß von gar nichts,
sie hört nicht, die so schwer geprüft, was sich um sie ereignet.
Ich will doch lieber von hier fort, daß sie nur ja nichts höre
und Hand nicht blutig an sich leg und elendiglich sterbe.
Ich geh und richte ein Gebet zum Herrn, der mir gebietet,
der aller Herzen Innerstes und alle Winkel kennet.

(Abraham erhebt sich von seinem Lager, kniet nieder und betet.)

O Herr, da du die Botschaft nun nicht ungültig willst machen,
die mir dein Engel hat gebracht hernieder auf die Erde,
da auch die Fordrung, die du, Gott, an mich hier hast gerichtet,
durch keine Reu ersetzt sein soll, erhör mich in Erbarmen:
So nimm ihn denn, den Isaak, laß ihn mir nicht auf Erden,
doch daß den Tod der Vater gibt, das mögst du nicht verlangen.
Das Fleisch, es ist dem Tod geweiht, stets tragen wir ihn mit uns,
und ihm entfliehen können wir auf keine Art und Weise.
Doch daß der Vater, tiefbetrübt, den Sohn hartherzig schlachte —
verlang das nicht, mein Schöpfergott, du unser aller Vater.
Ich hab vor dir sehr viel gefehlt, ich weiß von meinen Sünden, —
laß dein Erbarmen wiederum besiegen meine Fehler.
Doch wenn es nun nicht möglich ist, dies Ganze abzuändern:
gib mir ein Herz und Wagemut, so laß es mich vermögen,
laß Isaak mich nicht hinfort als meinen Sohn mehr kennen,
denn ich hab Fleisch und fühle Schmerz, ein Herz, empfinde Sehnsucht.
Du, Gott, der du’s beschlossen hast, gib meiner Seele Kräfte,
daß ich heut das Unmögliche kann wirklich möglich machen,
daß Ich ihn Asche werden seh, daß ich dabei nicht weine,
daß ich das Opfer, das du willst, dir zu Gefallen bringe.

 

 

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh. 2011