Zur Diskussion um die »Elgin Marbles«
und den Aufbewahrungsort der Parthenon-Skulpturen

Am 27.7.2009 berichtete die Süddeutsche Zeitung nach AFP:

Christliche Plünderer

Film von Costa-Gavras gekürzt

Der griechisch-französische Filmemacher Constantin Costa-Gavras hat scharf gegen die Kürzung eines von ihm gedrehten Films protestiert, der im neuen Akropolis-Museum in Athen gezeigt wird. Die Kürzung sei eine „nicht hinnehmbare Zensur“, sagte er griechischen Medienberichten zufolge, die Entscheidung sei auf Druck der machtvollen griechisch-orthodoxen Kirche erfolgt. Vertreter des Kulturministeriums und des Museums hatten aus dem 13 Minuten langen Animationsfilm eine anderthalbminütige Sequenz herausschneiden lassen. Darin erklimmen Christen mit Leitern den Parthenon-Tempel, um Darstellungen zu zerstören und Statuen zu entfernen. Der Zeitung Eleftherotypia zufolge erklärten die Behörden, Besucher seien durch die Darstellung »verärgert« worden.

AFP

Diesen Vorfall kommentierte die SZ am 28.7.2009 in der regelmäßig anzutreffenden typisch ironisch-distanzierten Haltung der Zeitung in der Rubrik »Profil« auf der Politik-Seite und machte daraus ein Problem zwischen Costa-Gavras und der griechisch-orthodoxen Kirche. In einem (nicht veröffentlichten, hier überarbeiteten) Leserbrief an die SZ wurde der Vorfall in die Frage der Forderung Griechenlands nach Restitution der Parthenon-Skulpturen nach Athen eingeordnet (ohne Bezug zur persönlichen Einstellung von Costa-Gavras in der Sache):

 

Das »Profil« vom 28.7.2009 zur Athener Zensur an Costa-Gavras' Film trifft leider in seiner verbreiteten intellektuellen Ironie die Sache, um die es geht, überhaupt nicht: Die gleich gesinnten Leute, christliche Eiferer, wie sie am Ende der Antike in langen Gewändern und vielleicht Rauschebärten den Parthenon stürmten und zerschlugen, was sie konnten (insgesamt überhaupt die Hälfte der Hinterlassenschaft der Antike), »erstürmen« auch jetzt noch das neue Akropolismuseum und zerstören ebenfalls Geschichte, indem sie Zensur üben, eben wieder oder immer noch das vernichten, was ihnen als Erinnerung nicht zusagt. Eifriger, als vielleicht zu denken war, zeigen die Verantwortlichen (die mit dem Bau ihres Museums doppelt so lange brauchten – 40 Jahre – wie die alten Athener ihren Parthenon in Handarbeit) mit diesem Vorfall, wie sehr das neue Museum in Athen der Gefahr ausgesetzt ist, als nationalistisches Heimatmuseum zu fungieren (vor 40 Jahren hieß die Parole noch »Ellás Ellínon Christianón« – ein »Hellas christlicher Hellenen«), ohne Sinn für Geschichte.
Zu dieser Geschichte gehört auch, daß ein großer Teil der Parthenonskulpturen sich nunmehr in London befindet, ohne daß sie dort ihrer Geschichte beraubt würden. Die Leistungen ihrer postulierten Vorfahren können sich die Heutigen nicht zugute halten, doch daß viele genau das tun, genau das ist ja ein Kern von Nationalismus. Die Forderung nach Rückgabe der Skulpturen von London nach Athen (gegen alle juristisch gültigen Tatsachen: es existiert nun einmal der seinerzeit geschlossene Vertrag zwischen Lord Elgin und den damaligen osmanischen Herrschern, den auch gut- oder dummgemeinte Resolutionen der UNO nicht zunichte machen können) ist seitens der Verantwortlichen in Griechenland ein rein nationalistischer Akt eben ohne Berücksichtigung historischer Tatsachen, bei vielen anderen – das sei ihnen bis zu einem gewissen Grad zugute gehalten – vielleicht auch Resultat einer unreflektierten romantischen Haltung.
Auch Griechen sollten sich nachdenklich zunächst einmal dankbar dafür zeigen, daß Elgin die Plastiken nach London holte: Wären sie in Griechenland verblieben, könnte man sie, wie wahrlich genügend Beispiele verbliebener Objekte dokumentieren, gar nicht mehr im relativ guten aktuellen Zustand zeigen. In London sind die Skulpturen bestens aufgehoben und jedenfalls jeglicher nationalistischer Geschichtsklitterung entzogen.

hs

 

Infolge zahlreicher öffentlicher Proteste wurden die aus Costa-Gavras’ Film entfernten Szenen im Athener Museum recht schnell wieder eingefügt.

 
 

Sehweisen zum Vergleich:

Die Akropolis nach der Durchsetzung des Christentums
Mit der Verbreitung des Christentums in Athen begann die Akropolis ihre Bedeutung zu verlieren. Gegen Ende des 5. Jhs. n. Chr. verloren die Tempel der alten Religion ihre Funktion und die Kultstatuen wurden entfernt. Zu dieser Zeit wurde die Bronzestatue der Athena Promachos nach Konstantinopel transportiert und auf der Agora Konstantins des Großen aufgestellt. Der Parthenon wurde in eine Kirche der Heiligen Weisheit Gottes und das Erechtheion in eine Kirche der Gottesmutter umgewandelt. Die endgültige Durchsetzung des Christentums wurde im Jahre 529 n. Chr. mit dem Edikt des Kaisers Justinian besiegelt, mit dem die Lehre von Recht und Philosophie in Athen verboten wurde.
[Schluß, nichts weiter; hs]
in: Dimitrios Pandermalis u. a., akropolismuseum kurzführer, Athen 2011, S. 52

Dagegen:
Der Parthenon war erst das Heiligtum der heidnischen Religion in ihrer geistig am höchsten entwickelten hellenischen Gestalt; dann nacheinander die schöne Kathedrale für jede der beiden großen Kultusformen, in die sich das Christentum auseinandergelegt hatte; endlich eine Moschee der über Länder und Völker Asiens, Afrikas und des Ostrandes Europas verbreiteten Religion Mohammeds. Weder in der Basilika St. Peters in Rom noch in der Hagia Sophia, welche beide Dome nicht aus Heidentempeln entstanden sind, noch in irgendwelchem Heiligtum der Erde haben Menschen so vieler Jahrhunderte und so verschieden voneinander durch Sprachen, Sitten, Kulturen, Volksstämme, Zeitalter ihre Gebete dem vielnamigen, doch ewig gleichen, unbekannten Gott dargebracht als in dieser Zelle der Pallas Athene. Dies fügt zum Zauber der Kunst und der Ehrwürdigkeit noch eine kulturgeschichtliche Weihe hinzu. So nahm dies prachtvolle Tempelgefäß die wechselnden Gebilde des sich ewig erneuernden Erdenlebens in sich auf, und der Parthenon wurde zu einem Sinnbilde der Metamorphosen nicht nur der Stadt Athen und Griechenlands, sondern eines großen Teils der Menschenwelt.
so Ferdinand Gregorovius, in:
Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter, Stuttgart 1889; hier nach Ausgabe München 1980, S. 544f.

 

 
Eine sachbezogene Darstellung zur Geschichte des Parthenons, der Skulpturen sowie des Problems der ›Elgin Marbles‹ findet sich in dem reich mit Illustrationen versehenen einschlägigen Band von Ian Jenkins: Die Parthenon-Skulpturen. Die Skulpturen des Parthenon und ihre Geschichte (Darmstadt und Mainz 2008).

»Dieses Buch mit seinen Bildern zielt nicht auf eine archäologische Rekonstruktion der jetzt verstreuten Reste der Parthenon-Skulpturen. Andere Bücher erfüllen diese Aufgabe […]. Um jedoch zu erklären, wie die Skulpturen dorthin gelangten, wo sie sind, und in den Zustand, in dem sie sind, zeichnet ein begleitender Essay die lange, komplexe Geschichte des Parthenon bis auf den heutigen Tag nach. Während all der Zeit wurde der Tempel von Erdbeben erschüttert, von Feuer verwüstet, als Propagandavehikel ausgebeutet, in eine Kirche und dann eine Moschee verwandelt, bombardiert, gesprengt, als Baumaterial geplündert und der Restaurierung unterworfen, guter wie schlechter. Das aktuelle hervorragende Programm zur Restaurierung aller Akropolismonumente hat zum Ziel, alle verwitterten Skulpturen vom Parthenon zu holen, die nach Elgins Zeit am Bau verblieben, und wird so ein Rettungswerk vollenden, das vor zweihundert Jahren von Lord Elgin begonnen wurde« (aus dem Vorwort des Autors).