Helmut Schareika

Das heutige Griechenland und Fragen der Rezeption der ›klassischen‹ Antike


Wer die Aussage von der Kontinuität der griechischen Sprache, zentrales Argument in der Diskussion kultureller Fragen zu Griechenland, ernst nimmt, könnte immerhin auch Einsicht vermitteln darein, daß diese Sprache auch den Zugang eröffnet zu vielen hierzulande fast ganz vergessenen Jahrhunderten Europas.

Die Spaltung in die östliche und die lateinische Kirche als Ausdruck unterschiedlicher gesellschaftlicher Entwicklungen, das Schicksal des Byzantinischen Reiches, besiegelt im Fall Konstantinopels 1453, die osmanische Okkupation von Teilen Osteuropas haben hierzulande eine Region aus dem Bewußtsein verdrängt, deren Kultur zeitweise Westeuropa beeinflußt hat und die vor allem stets von einem lebendigen Austausch mit dem Orient geprägt war. Die byzantinisch-orthodoxe Tradition (und hierzu zählt auch z. B. Rußland und seine vorrevolutionäre Geschichte) ist Westeuropa bis heute fremd geblieben.

Im Gegensatz dazu bildet sie ein weiterhin entscheidend prägendes Element des modernen griechischen Bewußtseins, sei es offen, sei es latent. Es enthüllt sich damit auch hier noch ein West-Ost-Gegensatz, den ein romantisch geprägtes Griechenlandbild eben stets übersehen hat. Wer »das Land der Griechen mit der Seele suchte«, suchte zumeist das Griechenland der Antike in seiner eigenen Entzifferung, die ihre Wurzeln im erstarrten westeuropäischen Nach-Humanismus des 19. Jhs. hat. Und so gab man im letzten Jahrhundert den Griechen nach der Niederwerfung der Osmanen im Unabhängigkeitskrieg einen bayerischen König und kleidete diesen in die φουστανέλα, den weißen Rock der Kleften, der Briganten und Freiheitskämpfer. So wurde der Phil(?)hellene Grieche, der Romiós (Ρωμιός„ Römer«), wie er sich selbst nannte und noch nennt, offiziell wieder »Hellene«. Mit der φουστανέλα als Konzession an die lebendige Geschichte wollte man an »vergangene Größe« anknüpfen; das war nicht Byzanz, sondern das klassische Athen einer gelehrten und nunmehr überdies noch westlich interpretierten Tradition. Der neue Hellene sollte mit der künstlich geschaffenen antikisierenden Sprache, der Katharévusa-Καθαρεύουσα, die ihre historischen Wurzeln im Attizismus des ersten vorchristlichen Jahrhunderts hat, wieder denken lernen »wie die alten Griechen«: neue Zeit in archaisierender Sprache. Die Folgen sind erst heute allmählich überwunden.

Die Gefahr eines romantisierenden Griechen- und Griechenlandbildes ist indes weiter wirksam. Ein Indiz dafür ist das nach wie vor hierzulande gegebene Interesse am »Fortwirken« der Antike oder antiker Motive in der zeitgenössischen griechischen Literatur. In der Tat wiederholt sich in den Motiven der modernen griechischen Literatur weiterhin das Stigma der vormaligen Diglossie mit ihrem Hintergrund der verschiedenartigen und gegensätzlichen Lebensformen: Der »volkstümlichen Linie« sind die Motive der Antike fremd, sie wurzelt in Byzanz und der Begegnung mit dem Islamischen, Orientalischen; die »gelehrte Linie«, in Byzanz begründet und von den Fanarioten Konstantinopels (also ursprünglich der Bewohner der byzantinischen Enklave Fanár, dann eine mit-herrschende griechische Kaste nicht selten als Kollaborateure der Osmanen) in Istanbul bis zum Befreiungskrieg fortgesetzt, schuf sich nach der Gründung des neuen Staates mit der Καθαρεύουσα ein Medium, das der Transmissionsriemen werden sollte, um an die nationalistisch interpretierte »Größe der Antike« anzuknüpfen, also eine sozial begründete Konstruktion. (*) In dem Maße jedoch, wie sich die volkstümliche Linie mit diesem Bildungsgut auseinandersetzte und es sich aneignete, hat sie es auch gegenüber den Initiatoren mehr oder weniger uminterpretiert – mit allen Widersprüchen eines sozialen und ökonomischen Entwicklungslandes, als das Griechenland immer noch verstanden werden muß. Die EG-Mitgliedschaft bedeutet dabei zum wiederholten Male – nach der Τουρκοκρατία, nach Otto und Nachfolgern, nach Großbritannien und den USA eine weitere Form der Fremdbestimmung. (**)

So ist denn die Rezeption der griechischen Antike in Griechenland einerseits nicht wesentlich verschieden von der anderer europäischer Länder, mit all ihren Schattierungen von Romantizismus, Mystifikation und sich selbst interpretierender Aneignung, aber auch der Entdeckung eines literarischen Universums zur sprachbildlichen Selbstverständigung über die eigene widersprüchliche Situation. Ein Unterschied zu Westeuropa darf andererseits nicht übersehen werden: Vorherrschend ist zweifellos eine Rezeption der Antike in einem »nationalen Kontext«, in dem sie als Beweis des eigenen Wertes im Kulturkonzert der Völker dienen muß. Diese sehr komplexe Situation kann – und darf – von außen schwerlich global bewertet werden.

Wer also der Rezeption der Antike in der neugriechischen Literatur folgt, womöglich immer weiter rückwärts, kann dabei entdecken, wie sie bedrücken, beengen, behindern kann, kulturell und sozial; wie sie andererseits auch geeignet sein kann, als individuelles Ausdrucksmittel aktueller Erfahrungen zu dienen. Ein Beispiel dafür in diesem Sinne bildet – bei allem Verhaftetsein in der herrschenden Oberschicht – Giorgos Seféris' letztes Gedicht aus dem Jahre 1971, der Zeit der Militärdiktatur, »Auf dem Stechginster... (Politeia 616)« [Text hier].

Αρχαία – Νέα
Die in Griechenland stets kontrovers und auch heute noch geführte Debatte um das Verhältnis von αρχαία und νέα bringt auch uns vor Augen, daß die Antike kein Wert ›an sich‹ ist. Sie läßt sich weder verordnen noch aufreden. Ihre Vermittlung und Rezeption vollzieht sich im Rahmen sozialer Parameter.

Welche Funktion kann demnach die Vermittlung und Rezeption der griechischen Antike im hiesigen (d. h. deutschen) Kontext haben? Ist es ein Zufall, daß gern mit Aspekten der Elitebildung argumentiert wird, um beispielsweise für das Altgriechische im Gymnasium zu werben? Welcher Prozeß wäre nötig, wäre zu fragen, die griechische Antike hierzulande für eine lebendig akzeptierte Rezeption zu befreien? In der Renaissance trug die Aneignung der griechischen Antike dazu bei, das Mittelalter zu überwinden. Griechenland zeigt in aller Deutlichkeit, daß die Kontinuität einer Sprache nicht die Kontinuität des Denkens ihrer Sprecher bedeutet. Die Kontinuität der Sprache einer Interpretation übersieht, daß die Zeit sich wandelt. Das kalfaterte ›Modell‹ (der ›klassischen‹ Antike) – Vexierbegriff des ›Vorbilds‹ – läßt keine Einwände zu, der Rezipient ist in passiver Rolle mit eingeplant. Das Alte muß aber für das Neue stets neu entziffert werden; auch dafür gibt der öffentliche Diskurs in Griechenland ein Beispiel.

 

(*) Erwähnen sollte man unbedingt die Auffassungen mancher damaliger Westeuropäer, die im Gegensatz zu den reaktionären ›philhellenischen‹ Kräften Westeuropas, besonders aber im Gegensatz zu den reaktionären herrschenden Kreisen Griechenlands zu Beginn des 19. Jhs. auf das großartige literarische Volksgut Griechenlands aufmerksam wurden und es sammelten, darunter Charles Fauriel 1824 (als Franzose sprechend):
»Die Volkssprache der Griechen, die einen differenzierten und reicheren Wortschatz als das Deutsche besitzt, größere Geschmeidigkeit als das Italienische und die gleiche Klarheit wie das Französische kann heute als die schönste Sprache Europas angesehen werden. Und sie hat die Anlagen, sich noch weiter zu vervollkommnen und steht hinter dem Altgriechischen zurück lediglich auf Grund äußerer Umstände. Wenn die Griechen tatsächlich Nation werden und diese Nation fähige Schriftsteller hervorbringt, die etwas Wichtiges und Nützliches zu sagen haben, vor allen Dingen aber begreifen, daß Glück und Ruhm vor ihnen und nicht hinter ihnen liegen, in der Weiterentwicklung des Heutigen und nicht im eitlen Zurückgehen in die Vergangenheit, dann wird sich das Neugriechische sicherlich nicht als gleich dem Altgriechischen, aber auch keineswegs als etwas Minderes erweisen« (hier dt. von G. Emrich nach P. Bakojannis). (Claude Fauriel, Chants populaires de la Grèce moderne, Paris, Vol. I, 1824, Vol. Il, 1825. Im selben Jahr: C. Fauriel, Neugriechische Volkslieder, gesammelt und herausg. von C. Fauriel, übersetzt von Wilhelm Müller, 2 Bde., Leipzig 1825)
Fauriels Sammlung bildet nach wie vor eine der Hauptquellen griechischer Volkspoesie.

(**) Diese Beurteilung erfolgte so 1992, soll aber hier stehenbleiben: Man betrachte die aktuelle (Herbst 2011) Diskussion in den westlichen Medien zu Griechenland und die zugrunde liegende Politik.

 

Erste Fassung veröffentlicht 1992 (hier nur ein Auszug), bearbeitet 2011

 

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh. 2011