Giorgos Seferis – zwei Gedichte
deutsch von Helmut Schareika


»Auf dem Stechginster…« (Politeia, 616)

Schön war Sunion an jenem Tag der Verkündigung [Mariä]
wieder im Frühling.
Nur wenige grüne Blätter rings um die verrotteten Steine
die rote Erde und Stechginster
bereit zeigte er seine großen Stacheln und die gelben Blüten.
In der Ferne die antiken Säulen, Saiten einer Harfe hallen noch nach…
Stille.
— Was mochte mich an jenen Ardiaios erinnert haben!?
Eine Stelle bei Platon glaube ich, verloren in den Rillen des Gehirns:
Der Name des gelben Busches
hat sich seit jenen Zeiten nicht geändert.
Am Abend fand ich den Abschnitt:
»Sie fesselten ihn an Händen und Füßen«, erzählt er uns
»sie warfen ihn nieder und schunden ihn
sie zerrten ihn abseits zerrissen ihn in Stücke
auf dem stacheligen Stechginster
und gingen los und warfen ihn in den Tartaros, einen Lumpen.«

 

So bezahlte in der Unterwelt für seine Sünden
der Pamphylier Ardiaios der elende Tyrann.

 

 

31.März 1971

 

»Auf dem Stechginster …« ist Seferis' letztes Gedicht. Zuerst wurde es in der französischen Übersetzung des Autors am 27. August 1971 in »Le Monde« veröffentlicht, griechisch zunächst am 23. September 1971 – am Tag nach Seferis' Beerdigung – in »TO BHMA«; dann in: Nea Keimena (Neue Texte), Verlag Kedros, Athen, Bd. 2, S. 17).

Anmerkungen
• Gemeint ist Platons Schrift Politeia (»Der Staat«), Abschnitt (richtig:) 615c ff.
• Der Tag der Verkündigung Mariä ist der 25. März, einer der höchsten orthodoxen (und auch katholischen) Feiertage. Der 25. März war im Jahre 1821 (also 150 Jahre vor Abfassung) aber auch der Tag der Verkündigung des Aufstands.
• »Stechginster« ist im alten Griechisch wie im Neugriechischen ασπάλαθοι (aspálathoi).
• Pamphylien ist eine antike Landschaft in Kleinasien, das Gebiet um das heutige Antalya; der erwähnte Ardiaios ist historisch nicht weiter belegt.


Mykene

Gib mir deine Hände, gib mir deine Hände, gib mir deine Hände.

 

Ich sah mitten in der Nacht
den spitzen Gipfel des Berges
ich sah das Feld drüben überschwemmt
vom Licht eines verborgenen Mondes
ich sah, den Kopf wendend,
die schwarzen Steine versammelt
und mein Leben gespannt wie eine Saite
Anfang und Ende
der letzte Augenblick:
meine Hände.


Es sinkt ein, wer die großen Steine hebt:
diese Steine hob ich solange ich es aushielt
diese Steine liebte ich solange ich es aushielt
diese Steine, mein Schicksal.
Verwundet von meiner eigenen Erde
gequält von meinem eigen Hemd
verurteilt von den eigenen Göttern,
diese Felsen.


Ich weiß, daß sie nicht wissen, doch ich,
der ich so viele Male gefolgt bin
dem Weg vom Mörder zum Getöteten
vom Getöteten zur Vergeltung
und von der Vergeltung zum nächsten Mord,
greifend
nach dem unerschöpflichen Purpur
an jenem Abend der Rückkehr
als die Ehrwürdigen zu pfeifen begannen
auf dem kargen Gras –
ich sah die Schlangen verkreuzt mit den Ottern
verflochten über dem bösen Geschlecht
unserem Schicksal.


Stimmen aus dem Fels aus dem Schlaf
tiefer hier wo die Welt sich verfinstert,
Erinnerung an die Mühen, die wurzelt im Rhythmus
der die Erde mit Füßen schlug
vergessenen.
Leiber versunken in den Fundamenten
der anderen Zeit, nackt. Augen
geheftet geheftet, auf ein Zeichen
das du so sehr du auch willst nicht ausmachen kannst:
die Seele
die kämpft daß sie deine Seele werde.

Nicht einmal die Stille ist mehr deine
hier wo die Mühlsteine stehen blieben.

 

 

Oktober 1935

 

 

(aus: Gymnopaidia)


Anmerkungen
• Das Gedicht setzt die Kenntnis des antiken Mythos der Atriden voraus.
• Die »Ehrwürdigen« ist ein antiker euphemistischer Name für die Erinyen, die Rachegöttinnen.

 

 

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh. 2011