Giorgos Seferis:
Erklärung vom 28. 
März 1969
zur Junta-Herrschaft in Griechenland 1967–(1974)

»Es ist lange her, daß ich den Entschluß faßte, außerhalb der Politik unseres Landes zu bleiben.
Ich versuchte es einmal zu erklären, dieses aber bedeutet nicht, daß mich unser politisches Leben gleichgültig läßt.
So habe Ich seit jener Zeit bis jetzt in der Regel es unterlassen, solche Themen zu berühren.
Außerdem zeigte alles, was ich bis 1967 veröffentlichte (ich habe nichts in Griechenland veröffentlicht, seitdem die Freiheit unterbunden wurde), glaube ich, klar genug meine Gesinnung. Trotzdem fühle ich seit Monaten in mir und um mich immer gebieterischer die Pflicht, ein Wort über unsere heutige Situation zu sagen. Was ich sagen möchte, wäre in aller Kürze dies: Es sind zwei Jahre vergangen, seitdem uns ein System aufgezwungen wurde, das in absolutem Gegensatz zu den Idealen steht, für die unsere Welt — und unser Volk so herrlich — im zweiten Weltkrieg gekämpft haben.
Es ist ein Zustand aufgezwungener Betäubung, in der auch alle geistigen Werte, die wir mit Schmerzen und Mühen lebendig erhalten konnten, in den stagnierenden Sumpfwassern zu versinken drohen. Ich könnte mir ohne Schwierigkeit vorstellen, daß solche Verluste für bestimmte Menschen nicht viel zählen. Es ist aber nicht nur diese Gefahr, um die es sich handelt. Alle haben es gelernt und wissen es, daß in den diktatorischen Systemen der Anfang leicht zu sein scheint, die Tragödie jedoch unausweichlich am Ende harrt. Das Drama dieses Endes quält uns bewußt oder unbewußt wie in den uralten Chören des Aischylos. Je länger diese Anomalie bleibt, desto größer wird das Übel.
Ich bin ein Mensch ohne jegliche politische Bindung, und ich kann es sagen, daß ich ohne Furcht und ohne Leidenschaft spreche. Ich sehe vor mir den Abgrund, auf den uns die Unterdrückung zuführt, die über das Land gekommen ist. Diese Anomalie muß aufhören. Es ist ein nationales Gebot. Jetzt kehre ich in mein Schweigen zurück. Ich bitte Gott, mich nicht noch einmal in eine ähnliche Notsituation zu bringen, daß ich wieder sprechen müßte.«

deutsch von Isidora Rosenthal-Kamarinea
hier wiedergegeben nach hellenika I/II 69, S. 77


Der Erklärung von Giorgos Seferis folgten mehrere ähnliche Stimmen, darunter ein Protest von achtzehn Autoren gegen die Zwangsveröffentlichung ihrer Erzählungen, der Beschluß der »Gruppe der 12«, die »Literaturpreise der 12«, »solange das unfreie Regime der Zensur für literarische und wissenschaftliche Werke dauere«, nicht mehr zu verleihen u. a. (IRK, w. o.))
Es gab seinerzeit nicht wenige Stimmen – gerade auch in Griechenland –, die Seferis zumindest eine innere Akzeptanz der Junta vorwarfen. (H.S.)