Sizilische Porträts –
Prominente Griechen auf Sizilien

Von Odysseus bis Archimedes

 


  von Helmut Schareika

             Vortrag am ILF in Mainz


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Übersicht über die ›Akteure‹

Alle Daten v. u. Z.; die Jahreszahlen werden zum Teil diskutiert
kursive Namen: Persönlichkeiten, die sich – bis auf Thukydides – auf Sizilien aufhielten.

i. Odysseus-Homer (≈700): Schiffermärchen

ii. Ibykos (Rhegion/Unteritalien; M. 6. Jh.): Lyriker

iii. Stesichoros (Metauros/Unteritalien oder Himera; 632/29–nach 557): »epischer« Chorlyriker

iv. Epicharmos (Megara Hyblaia; ≈550–460): (dorische) Komödie

v. Simonides (Keos 557/6; Akragas 468/7): Syrakus, Akragas – Siegeslieder, Dithyramben, Epigramme

Aischylos (Athen; 535–456): Syrakus – Drama [Perser, Ätnäerinnen *]

vi. Pindar (Kynoskephalai/Theben; ≈520–445): Akragas, Syrakus – Chorlyrik

vii. Bakchylides (Keos; ≈505–450); Syrakus – Chorlyrik

viii. Korax & Teisias (Syrakus; 1. H. 5. Jh.): Begründer der (forensischen) Rhetorik

ix. Protagoras (≈485–415; aus Abdera): Philosophie

x. Empedokles (Akragas; ≈483–423): Naturphilosophie

xi. Gorgias (Leontinoi; 483–376): Erkennnistheorie; Rhetorik; –>> Athen

xii. Thukydides (Athen; ≈460– ≈400): Historiker (Sizilien, »Siz. Expedition«)

xiii. Sophron (Syrakus; 2. H. 5. Jh.): Verfasser von Mimoi (Ù Platon)

xiv. Philoxenos (Kythera; 435/4–380/79): Syrakus – Dithyrambendichter

xv. Hippias von Elis (Syrakus; 2. H. 5. Jh.): Philosophie, Mathematik

Philistos (Syrakus; ≈432–356): Historiker (General Dionysios’ I. **)

xvi. Platon (428/7–349/8): Syrakus – politische Philosophie

xvii. Archestratos (≈ 1. H. 4. Jh.): Gela – Koch, Gastronom, Autor (Kochbuch)

xviii. Timaios (Tauromenion; ≈350–250): Historiker

xix. Euhemeros (Messana; ≈340– ≈260): Philosoph, Schriftsteller, Mythenkritiker und -autor; –>> Makedonien (Kassander); »Euhemerismus«

xx. Rhinthon (Syrakus; ≈300): (literarische) Phlyakenposse (entstanden in Unteritalien)

xxi. Sosiphanes (Syrakus; *306/5): Dramatiker

xxii. Archimedes (Syrakus; ≈287–212): Mathematiker, Physiker, Mechaniker

xxiii. Theokritos (Syrakus; 1. H. 3. Jh.): Bukolik; –>> Alexandreia [Kyklops (Polyphem und Galatea)]

xxiv. Moschos (Syrakus; ≈ 150): Bukolik; –>> Alexandreia [Europa]

xxv. Diodoros Sikelos (Agyrion; 1. Jh.): Historiker

xxvi. Kaikilios [Caecilius; Sklavenname Archagathos] (Kale Akte; 1, Jh.): –>> Rom, »Attizist«, Rhetor, Historiker [Geschichte der sizilischen Sklavenkriege]

 

Anmerkungen

* Die Frauen von Aitnai; Αἴτναι ≈ Κατάνη

** bekannt die »Gräben des Philistos«, »ein ohne Zweifel von dem bekannten Geschichtsschreiber und Freunde des Dionysios, der die Jahre seiner Verbannung (386 f.) in Atria verlebte, angelegter Kanal an der Pomündung« (Th. Mommsen)

 

Einige Persönlichkeiten aus Unteritalien

Pythagoras (Kroton; 2. H. 6. Jh.; aus Samos): »αὐτὸς ἔφα« – »ipse dixit«

Xenophanes (Kolophon; Ὑέλη – Elea/Velia; 570–460)

Parmenides (Ὑέλη – Elea/Velia; 500)

Zenon (Ὑέλη – Elea/Velia; 450)

Protagoras (485–415; aus Abdera): 444/3 Mitgründer der Kolonie Thurioi (Verfassung)

Herodot: 444/3 Mitgründer der Kolonie Thurioi (Unteritalien; aus Halikarnaß)

Archytas (* 428 v. Chr. in Tarent, † 347 v. Chr.) Staatsmann, Generaloberfehlshaber, pythagoreischer Philosoph, Musiktheoretiker und Mathematiker, Zeitgenosse Platons.

 

Einführung

Es ist eigentlich einigermaßen willkürlich, sich hier auf prominente Griechen auf Sizilien zu beschränken, statt den gesamten Raum der griechischen »Neuen Welt« in den Blick zu nehmen, denn diesen Charakter besaß dieser Raum für die Hellenen des Mutterlandes in seiner Gesamtheit. Denken wir nur an Persönlichkeiten wie Parmenides aus Elea oder Archytas aus Tarent.

Aber natürlich bildet Sizilien, abgesehen davon, daß Trinakria, die »Dreispitzinsel«, hier für uns thematischer Fokus ist, auch einen Brennpunkt eigener Art. Historisch betrachtet, hatte die Insel an der schmalsten Stelle zwischen Europa und Afrika mit ihren zahlreichen Herren von den Karthagern über Wandalen, Araber, Staufer bis zu den Bourbonen eigentlich bis heute eine Sonderstellung, und es ist noch gar nicht lange her, daß sie in Italien selbst als arabisches Land galt, das nicht zur arabischen Liga gehört. Die selbst gewünschte staatsrechtliche Sonderstellung, die die Sizilianer bei den liberalen Revolutionen von 1820/21 und 1848/49 erstrebten, wurde ihnen jedoch verwehrt, 1860 stürzte Garibaldi durch seinen Freischarenzug nach Sizilien die Bourbonenherrschaft auf der Insel, die 1861 ein Teil des Königreichs Italien wurde. Heute – seit 1946 – genießt Sizilien immerhin einen Autonomiestatus auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet. Die Erfolge der verschiedenen Entwicklungsprogramme wurden jedoch trotz beträchtlicher investierter Mittel immer wieder durch die Verquickung von Mafia und Bürokratie sowie durch Korruption behindert.

Es ist kaum zuviel gesagt, daß dieser geschichtliche Weg der Unselbständigkeit begann, als Sizilien nach dem 1. Punischen Krieg römische Provinz und Roms Kornkammer geworden war.

Dabei wollen wir nicht idealisieren: Auch die Griechen zuvor, selbstverständlich auch die Phoiniker, kamen als Land-Nehmer, wenngleich nicht als Eroberer. Sowohl Phoinikern als auch Griechen lagen Territitorialstaatsgedanken, jedenfalls zunächst, fern. Die Land-Nahme vollzog sich wohl zumeist friedlich und im Einvernehmen mit den indigenen Bewohnern, Sikanern, Elymern und sonstigen. Andererseits bildete sich unter den griechischen Tyrannien erstmals so etwas wie griechische Territitorialreiche heraus – hier wäre Syrakus zu nennen (Gelon Tyrann von Gela ab 491 und gleichzeitig von Syrakus ab 485; Hieron I. seit 478 Tyrann von Syrakus, seit 483 Statthalter seines Bruders Gelon in Gela, erbte 478 dessen Herrschaft über Syrakus, Unteritalien wird in das Reich einbezogen; unter Agathokles wurde Sizilien nach dem Diadochenvorbild Königreich, verbunden mit Unteritalien; Interessen von Syrakus bis nach Etrurien und in die Adria).

Wie immer sich die Entwicklung im einzelnen vollzog – über die Zeit bis um 600 weiß man im Detail genauso wenig wie über die Verhältnisse im eigentlichen Griechenland –, es gab im großen und ganzen eine Parallelität in der konkurrierenden Abfolge von Demokratie und Tyrannis, allerdings einer Prädominanz der Tyrannis gerade in den bedeutenden Städten. In Syrakus war diese der Nährboden für ein offenbar weltoffenes kulturelles Leben, zahlreiche bedeutende Kulturschaffende hielten sich am Hofe der dortigen Tyrannen auf – um die bedeutendsten schon einmal zu nennen: Pindar, Bakchylides, Aischylos, Platon.

Prominente Griechen auf Sizilien, das heißt im hier behandelten Zusammenhang also, daß sowohl von Besuchern oder Zugereisten die Rede sein soll als auch von gebürtigen Siziliern, die später ihre Wirkungsstätte an einem anderen Ort der griechischen Welt fanden.

 

Odysseus-Homer (≈700): Schiffermärchen

In die Zeit der griechischen Besiedlung (Kolonisation heißt das gewöhnlich, ἀποικία nannten das die Griechen selbst, also ›Entfernung von Zuhause‹) führt uns der erste Besucher der Insel, der bekanntlich eine große Rolle in der Literatur spielt, nämlich Odysseus. Die Erzählung ist ein Reflex der großen, umfassenden Erkundungen, die Seefahrer sowohl nach Norden in das Schwarze Meer wie nach Westen bis zu den Säulen des Herakles, also der Straße von Gibraltar, unternahmen. Zum Seemann gehören Seemannsgarn und Schiffermärchen wie Latein nicht nur zum Studienrat, sondern v.a. auch zum Jäger. Dabei spiegeln sich in diesen Erzählungen in der Regel reale Erfahrungen: Wenn Ischia bei den Griechen Pithekussai heißt, dann hat es vielleicht nicht unbedingt dort Affen (πίθηκοι) gegeben, aber sicher irgendwo auf einer der Inseln im Westen.

Erzählungen der Art wie die Odyssee gab es im Mittelmeerraum schon vor Homer. So wissen wir von einem Wenamun, der im Auftrag des Pharaos unterwegs ist, auf dem Meere verschlagen wird und erst nach langer Irrfahrt zurückkehrt. Wie Odysseus weint der Held der Erzählung vor Heimweh, wie er an der Küste des Libanon sitzt: »Hast du nicht die Vögel gesehen, die zum zweiten Mal in Ägypten niedergehen? Schau sie an! Sie ziehen zu den kühlen Teichen! Wie lange noch werde ich – verlassen – hier bleiben müssen?« Die richtige Behandlung für ihn fand der Herrscher des Libanons selbst, als er von dem Zustand erfuhr, in dem sich sein unglücklicher Gast befand: Er ließ ihm zwei Amphoren Wein und einen gebratenen Hammel bringen und schickte ihm zur Gesellschaft eine Ägypterin, die im Libanon wohnte; er trug ihr auf, für ihn zu singen und nicht zuzulassen, dass »sein Herz traurig wurde«. Als Wenamun nach Zypern verschlagen wird , wo ihn die Einwohner töten wollen, ist es die Fürstin Hateb, die ihn in Schutz nimmt und rettet… Möglich also, daß Die Abenteuer des Wenamun (11. Jh.) oder ähnliche Erzählungen eine Folie für Homers Epos bilden, doch sind in ihm andere Erfahrungen und eigene Protagonisten auf die Bühne gestellt:

Bevor Odysseus auf Polyphem trifft, landet er nach Homers Geschichte auf einer kleinen Insel, die als wald- und ziegenreich bezeichnet wird (Odyssee 9, 116 ff.):

νῆσος ἔπειτα λάχεια παρὲκ λιμένος τετάνυσται,

γαίης Κυκλώπων οὔτε σχεδὸν οὔτ’ ἀποτηλοῦ,

ὑλήεσσ’· ἐν δ’ αἶγες ἀπειρέσιαι γεγάασιν

ἄγριαι· ...

Nun, nicht nur Favignana (Αἴγουσσα), eine der Ägaden im Nordwesten Siziliens, beansprucht, diese Insel zu sein; immerhin enthält der Name dieser Inselgruppe, Aegates oder griechisch Αἴγουσσαι, einen Nachklang an die Ziegen Homers. Während es bei Homer nun nicht weit bis zur Höhle der Kyklopen ist, muß man realiter um die halbe Insel herumfahren, bis man in die Gegend von Xiphonia bzw. Aci gerät, wo sich die Ereignisse zwischen Odysseus, seinen Gefährten und dem Kyklopen Polyphem abspielen (ausführen: Akis / Aci) Noch heute findet man die Isole Ciclopi unmittelbar vor der Küste, die Felsen, die Polyphem nach Odysseus bei seiner Flucht auf dem Schiff schleuderte:

Polyphemgeschichte: Polyphem als Hirt, der keinen Wein kennt; Umgangsformen der Zeit; soziale Einordnungskriterien; Selbstcharakteristik der Griechen; »Utis«

Eine Datierung der Odyssee ist ja nach wie vor nicht gesichert oder einhellig anerkannt; die Tendenz geht in eine spätere Zeit, etwa um 700; m. E. richtig.

Marianne Nichols: Götter und Helden der Griechen, S. 278f.

Dieser Abschnitt [9, 116ff.] enthält so viele Einzelheiten in so komprimierter Form, daß man den wichtigsten Hinweis leicht überliest: Odysseus spricht hauptsächlich von landwirtschaftlichen Dingen, setzt aber voraus, daß sein Publikum sich sehr für Schiffbau, Handel und Überseeverkehr interessiert – für sichere, vor widrigen Winden geschützte Häfen mit reichlich frischem Wasser.

Es ist unwahrscheinlich, daß die aristokratischen Zuhörer des Helden diese Details sehr aufregend fanden. Der Phäakenkönig Alkinoos und seine Gemahlin Arete lauschen der traurigen Geschichte von seinen Mißgeschicken recht teilnahmsvoll. Wenn das Land der Phäaken, wie oft angenommen wurde, tatsächlich Zypern ist (viele halten allerdings auch die Insel Korfu für die Heimat der Phäaken), war es reich an Kupfer, überreich an Holz und hatte genug Handwerker, die mit diesem Holz Schiffe bauen konnten; seine Landwirtschaft blühte, und es verkaufte seine Getreideüberschüsse nach Asien, zuerst über phönizische Händler und dann direkt. Die Phäaken wären in ihrer »goldenen und silbernen« Stadt ziemlich mächtig gewesen. Außerdem waren sie meisterhafte Seefahrer. Homer sagt, ihre Schiffe seien »ruderlos« (?) und nicht auf die Launen der Strömungen angewiesen, brauchten noch nicht einmal Seeleute und hätten von Stürmen nichts zu befürchten. Wir können durchaus annehmen, daß all diese topographischen Einzelheiten und sonstigen Details von den gottähnlichen Gastgebern höchstens mit wohlwollender Gleichgültigkeit angehört wurden. Die übrigen adeligen Zuhörer verachteten Händler zweifellos, denn als der erschöpfte Odysseus es ablehnt, an ihren heroischen Spielen teilzunehmen, bezeichnet ihn ein junger Höfling herablassend als Kauffahrer – eine schwere Beleidigung.

Wenn Odysseus’ Bericht tatsächlich für kriegerische Achäer, also seinesgleichen, bestimmt gewesen wäre, hätte er danebengetroffen. Die Griechen waren und sind Seeleute, die viel von Schiffbau und damit verwandten Gewerben verstehen. In mykenischer Zeit interessierten sie sich wahrscheinlich nicht deshalb für neues Land, weil es reiche natürliche Ressourcen bot – wichtiger war, ob es in Hinblick auf die bekannten Handelswege günstig lag, ob es an die Länder anderer Stämme grenzte, ob es Zugang zu Erzen, Holz Luxusartikeln bot; alle diese Dinge erwähnt Odysseus jedoch nicht. Der zitierte Abschnitt scheint demnach nicht an die mysteriösen, kulturell hochentwickelten Phäaken und ebensowenig an die Landsleute des Helden gerichtet gewesen zu sein. Interessant wäre er dagegen für die Zeitgenossen des Dichters gewesen. Jene Griechen des 8. Jahrhunderts, die auf dem felsigen, übervölkerten und von sozialen und ökonomischen Ungerechtigkeiten beherrschten Festland um ihr tägliches Brot kämpfen mußten, hörten diesen Berichten des Dichters sicher fasziniert und gespannt zu. Einen Augenblick lang hört Odysseus auf, der legendäre mythische Held auf der Suche nach der verlorenen Heimat zu sein, und wird zum Pionier des Zeitalters der Kolonisierung.

Die Griechen der archaischen Zeit standen nämlich am Anfang ihrer größten Expansion in bisher unbekannte Regionen des westlichen Mittelmeerraums. Überall in der Ägäis gibt es Zeugnisse für ein Wiedererwachen der Energie nach der Lethargie des postheroischen dunklen Zeitalters. Handwerker und Künstler betraten den Schauplatz, allmählich entstand eine neue Mittelschicht, und es entwickelten sich Stadtstaaten, die bald über stehende Heere verfügen sollten. Um 750 v. Chr. wanderten zahlreiche Griechen sowohl nach Italien und Spanien als auch in den Nordosten des Schwarzmeer-Gebietes aus. Zuerst handelte es sich dabei um gefährliche, unabhängig voneinander unternommene Wagnisse. Später schickten griechische Mutterstädte ganze Gruppen in die Ferne, um neue Siedlungen zu gründen, die man apoikia nannte, eine Bezeichnung, die mehr Autonomie beinhaltet als unser entsprechender Begriff »Kolonien«.

Es gibt keine Indizien für einen hellenischen Marco Polo, die bestätigen könnten, daß mutige Männer beispielsweise in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gezielte Entdeckungsfahrten unternahmen. Solche Reisen müssen jedoch stattgefunden haben, bevor ganze Familien mit ihren Werkzeugen und Haushaltsgeräten loszogen …

Mit Odysseus verbunden und ebenfalls in den Bereich der Seemannsgeschichten gehörig ist das Abenteuer mit Skylla und Charybdis, die überzeugend mit der Meerenge von Messina und ihrer gefährlichen Durchfahrt in Verbindung gebracht werden kann. Der Fels Skyllaion auf dem Festland gegenüber Messina erinnert auch heute namentlich an diese Abenteuerepisode.

 

Ibykos (Rhegion; M. 6. Jh.): Lyriker

Damit befinden wir uns in unmittelbarer Nachbarschaft einer ersten historisch greifbaren und in unserem Sinn »prominenten« Person, die zwar noch kein Sizilianer ist, die wir aber wegen der räumlichen Nachbarschaft unmittelbar dazu rechnen wollen, nämlich Ibykos von Rhegion. Er lebte später am Hof des Polykrates auf Samos und schrieb Chorlyrik zuerst mythologischen, später auf Samos erotischen Inhalts. Die Sage von seiner Ermordung und der Entlarvung der Mörder durch Kraniche gestaltete ja, wie alle wissen, Schiller in seiner Ballade »Die Kraniche des Ibykus«:

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,

Der auf Korinthus’ Landesenge

Der Griechen Stämme froh vereint,

Zog Ibykus, der Götterfreund.

Ihm schenkte des Gesanges Gabe,

Der Lieder süßen Mund Apoll,

So wandert’ er, an leichtem Stabe,

Aus Rhegium, des Gottes voll.

Ibykos selbst hört sich etwas anders an, ein kleines Beispiel aus den Fragmenten:

   ῎Eρος αὖτέ με κυανέοισιν ὑπὸ

   βλεφάροις τακέρ’ ὄμμασι δερκόμενος

   κηλήμασι παντοδαποῖσ’ ἐς ἄπειρα

   δίκτυα Κύπριδι βάλλει.

   ἦ μάν τρομέω νιν ἐπερχόμενον,

   ὥστε φερέζυγος ἵππος ἄεθλοφόρος ποτὶ γήραι

   ἀέκων σὺν ὄχεσφι θοοῖσ’ ἐς ἅμιλλαν ἔβα.

Der verliebte Alte

Mit verschwimmenden Augen sieht wieder der Gott,

Unter schwarzblauen Lidern, sieht Eros mich an

Und wirft mich verwirrenden Gaukelspiels in die

Tödlichen Netze der Liebe.

Wahrhaftig, ich bange vor dem, was naht,

Gleich einem Pferd, das im Alter nur zaudernd,

Wiewohl es den Sieg kennt,

Und sich schüttelnd zum Wettkampf der sausenden Rennwagen trabt.

(Ü: M. Hausmann, Berlin 1948)

 

Stesichoros (Metauros oder Himera; 6. Jh.):
»epischer« Chorlyriker

Die Chorlyrik bildet einen der bedeutendsten Zweige der griechischen Dichtkunst. Arbeit, Kult und Spiel waren die Domänen, in denen diese Kollektivliedgattung wurzelte, die von persönlichen Dichtern kunstmäßig ausgeformt wurde. Musik, wohl hauptsächlich Saiteninstrumente und Flöte, sowie Tanz fehlen uns natürlich unwiederbringlich.

Wie zunächst auch Ibykos bevorzugte der ihm gegenüber ältere Stesichoros epische Stoffe, im wesentlichen handelte es sich um entlegenere Sagen aus dem epischen Sagenkreis, der Iliupersis, den Nostoi, Helena, insbesondere aber stand auch der volkstümliche Herakles im Zentrum seiner Themen Der griechische Westen besaß keine Tradition der epischen Dichtung, insofern konnte man auf dem Gebiet vielleicht experimentierfreudiger wirken.

Seine Zeitgenossen und Spätere lobten Stesichoros, bei seinem Publikum fand er offenbar höchsten Anklang. In Himera war noch zu Zeiten Ciceros eine Statue von ihm aufgestellt. Von Aristoteles ist sein politisches Engagement gegen die Tyrannis bezeugt; Stesichoros soll das Volk von Himera mit einer Fabel gegen Phalaris, den dortigen Tyrannen, aufgestachelt haben.

Sein eigentlicher Name war Teisias; Stesichoros, der Choraufsteller, ist ein sprechender Beiname. In seiner Kunst sahen ihn schon die Zeitgenossen als zwischen Homer und der Tragödie – die es noch nicht gab – stehend. Seine Dichtung war Epos in lyrischem Gewand, tendenziell dramatisiert durch die Verteilung von Reden auf verschiedene Personen, alles begleitet von Musik und Tanz. In seinen Stoffen schien er stets das Besondere gesucht zu haben. Anregend wirkte er auf die Tragödie, aber auch auf die Vasenmalerei. Doch auch Kritik wurde später formuliert. An einer Stelle (Antipater VII 75, 1) wird Stesichoros als »der übervolle und maßlose Mund der Muse« bezeichnet, womit seine Neigung zu komplexer Ausarbeitung seiner Stoffe gemeint ist.

   ᾿Αέλιος δ’ Ὑπεριονίδα ἐς

   δέπας ἐσκατέβαινεν χρύσεον ὄ-

    φρα δι’ Ὠκεανοῖο περάσας

   ἀφίκοιθ’ ἱαρᾶς ποτὶ βένθεα νυ-

    κτὸς ἐρεμνᾶς

   ποτὶ ματέρα κουριδίαν τ’ ἄλοχον

   παίδας τε φίλους,

   ὁ δ’ ἐς ἄλσος ἔβα δάφναισι κατα-

   σκιόεν ποσὶ παῖς Διὸς [– ∪ ∪ –].

Helios und Herakles

Helios, der Hyperionide,

Stieg nun wieder in die goldne Schale,

Um, den stillen Ozean durchschiffend,

Heimzukehren zu der heiligen Tiefe

Dunkler Nacht, wo seine holde Gattin,

Wo die Mutter und die Kinder harren.

Aber jener schritt, der unbezwungne

Sohn des Zeus, dahin auf starken Füßen

In des Lorbeerhaines Schattendunkel. —

E. Geibel, Stuttgart 1875

Wenngleich in der Art, wie Stesichoros seine Stoffe zu präsentieren schien, alle Elemente des späteren Dramas enthalten zu sein scheinen, zählt diese Art Dichtung offenbar nicht zu den unmittelbaren Vorgängern der Dichtweise der attischen Tragödie. Die hatte ihren Grund eben wiederum in anderen Traditionssträngen und -gefügen. Daß das Formen- und Stoffrepertoire dann doch verwandt ist, ist vor dem Hintergrund des gemeinsamen Kultursubstrats natürlich auch wieder kein Wunder.

 

Epicharmos (Megara Hyblaia; ≈550–460):
(dorische) Komödie

Das wird z. B. auch anhand der auf Sizilien entstandenen sog. dorischen Komödie besonders deutlich, deren namhaftester Vertreter Epicharm aus Megara Hyblaia nördlich von Syrakus war. Eigentlich müßte man die griechische Literaturgeschichte umschreiben, denn sein Schaffen fällt in die Zeit vor Aristophanes, mit dem für die Literaturgeschichte häufig die Komödie anfängt. Von der dorischen Komödie Siziliens zur attischen alten Komödie des Aristophanes und seiner Kollegen scheint es keine Verbindungslinien zu geben. Offenbar ist die Zeit an den verschiedenen Orten von Hellas für ähnliche sprachliche Kunstformen reif und schafft sie sich aus ihrem Traditionsrepertoire. Ganz offensichtlich ist, daß die spezifisch demokratischen Strukturen Athens im 5. Jahrhundert dafür einen besonders positiv gearteten Nährboden bereitstellten, der z. B. auf Sizilien so nicht vorhanden ist.

Epicharm schuf um 500 v. Chr. etwa 40 Stücke, von denen geringfügige Reste erhalten sind. Ihnen läßt sich eine intensive Volksnähe entnehmen, bei ihren Sujets handelt es sich zumindest vorwiegend um Mythenparodien. So begegnet der Held Odysseus als Feigling, Herakles als Vielfraß. Kritische Sätze der Art »Aus jedem Holzklotz schnitzt sich gleich leicht ein Joch und ein Götterbild« scheinen auf religiöse und politische Kritik hinzudeuten; andererseits sind die derben mittealterlichen religiösen Parodien auch kein Zeichen für allgemein schwindende Religiosität, und politische Kritik war an sizilischen Tyrannenhöfen direkt sicher nicht möglich. In Stücken dieser Art zeigt sich in den gesellschaftlich sanktionierten Phasen einer »Karnevalskultur« oder »Lachkultur« jedoch in jedem Fall ein Gegenpol, die Vision einer Gegenwelt, in der die Alltagskonflikte verarbeitet werden (behandelt bei M. Bachtin: Literatur und Karneval, dazu auch Vf. Der Realismus der aristophanischen Komödie).

Wenn es wohl Epicharm war, der die Figur des Schmarotzers in die Komödie eingeführt hat, wird das in diesem Sinn ein Reflex sizilischen Lebens, sizilischer Typen sein. Und schon vor Aristophanes finden sich bei Epicharmos Aufzählungen kulinarischer Leckerbissen, die einen Duft der damaligen Küche in unsere Nasen holen können. Daß zeitgenössisches philosophisches Denken seinen Spiegel ebenfalls in den Komödien findet, verwundert dann auch nicht. Erhalten ist z. B. folgende Passage aus Epicharm: Ein Schuldner will nicht zahlen, weil er nach Heraklits Lehre πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει (geläufige Kurzform: πάντα ῥεῖ) nicht mehr mit dem identisch sei, der sich das Geld geliehen habe; der Gläubiger verprügelt ihn. In der anschließenden Gerichtsverhandlung weist er jede Strafe empört zurück: Der Kläger könne ja wohl nicht mit dem identisch sein, den er ein paar Tage zuvor verprügelt habe…

Zwischendurch sei daran erinnert, daß zahlreiche unteritalische und sizilische Städte ihren Gründungsimpuls von dorischem Gebiet aus erfuhren; sie blieben damit auch nach der Gründung dorisches Sprachgebiet, wenngleich dorisch natürlich keine Staatssprache war. Mit der dominanten Sprache korrelierten regionale Traditionen, die sich an verschiedenen Orten entwickelten, so in dorischen Regionen Unteritaliens die sog. Phlyakenposse (φλύαξ Possenreißer, zu φλυαρεῖν, ›dummschwätzen, faseln‹). Ein Reflex davon dürfte vielen von Ihnen bekannt sein in Form der unteritalischen sog. apulischen Vasen, auf denen nicht selte derbe, anstößige Szenen dargestellt sind – also eine antike Art von Kunstmarketing. Es ist zu vermuten, daß in diesen – wohl nicht mitgebrachten – volkstümlichen Kunst- oder Unterhaltungsformen Ankömmlinge und Indigene eine Symbiose eingegangen sind. Dafür spricht insbesondere auch, daß in vielen erhaltenen Texten einschlägiger Autoren ein interessanter sprachlicher Jargon vorliegt, ein Griechisch mit italischem Einschlag. (Leider kann ich kein Beispiel davon bereitstellen.)

 

Phlyakenposse

gr. phlýax = mîmos; vielleicht zu phlýaros ›unnützes Geschwätz, Posse‹

Ausprägung des Mimus in den dor. Kolonien Siziliens und Süditaliens

durch die ›Phlyakographen‹ einige Autorennamen (u. a. Rhinton von Syrakus; 3. Jh.) und 38 Titel bezeugt

ca. 185 ›Phlyakenvasen‹

Bordellszenen und Gerichtsszenen

Götterburlesken und Mythentravestien

Kostüm des Phlyax: Somation und Phallus, Zottelgewand, groteske Maske (!)

Die Sujets dieser Schwänke und Seifenopern bilden Götterburlesken – immer gern gesehen die Liebesabenteuer des Zeus –, Tragödienparodien und nicht zuletzt der Alltag durch den Kakao gezogen. Im 3. Jahrhundert entwickelt in Syrakus daraus Rhinthon eine literarische Form – bezeichnenderweise ging das zeitlich im großen und ganzen parallel mit dem Niedergang der alexandrinischen Dramatikerplejade, zu der ebenfalls ein Syrakusaner, nämlich Sosiphanes, gehörte (s. u.).

Agitprop: Eunus verwendete den Mimos in dieser modernen Form. Als die Rebellen von römischen Truppen belagert wurden, ließ er öffentlich Mimoi aufführen, in denn die grausame Behandlung durch ihre früheren Herren dargestellt wurde – um die Sklaven zu erinnern, wofür sie kämpfen (Peter 141).

Dagegen der römische Mimus:

bezeugt seit 212 v. Chr.

Ausbildung unter griechischem Einfluss bzw. Einfluss der Atellane

Ehebruchs-, Räuber- und Banditenstücke, Märchen- und Zauberpossen

improvisierte Dialoge

Gesangseinlagen

sannio: Grimassenschneider

scurra: Possenreißer

stupidus: Dümmling

Spiel ohne Maske und Kothurn (mimus planipes)

Kostüme der kom. Figuren: Glatze (mimus calvus), Spitzhut (mimus apiciosus), Flickenrock (centulus), Pritsche oder Prügel

sonst Alltagskleidung

Frauenrollen im röm. Mimus der späten Kaiserzeit von Frauen dargestellt (!)

nudatio mimarum – ›Striptease‹

vereinzelt Literarisierung des Mimus:

Mimiamben des Hero(n)das (3. Jh. v. Chr.):

Alltagsszenen: Die Kupplerin, Der Bordellwirt etc.

›Hinkiamben‹

literar. Ausprägung der Atellane als Form der röm. Komödie im 1. Jh. v. Chr.

114 Titel überliefert

Aufführungen in der Kaiserzeit im Theater

Hält sich trotz kirchl. Widerstands bis ins 6. Jh.

525 Verbot durch Kaiser Iustinian

 

Sophron (Syrakus; 2. H. 5. Jh.):
Verfasser von Mimoi (
Ù Platon)

Ein ähnliches Genre der Widerspiegelung des täglichen Lebens besonders der unteren Bevölkerungsschichten liegt uns in den Mimoi vor, die Mitte des 5. Jahrhunderts Sophron, ebenfalls Syrakusaner, geschaffen hat. Mimos bedeutet ja ›Darstellung‹, das Thema liegt daher im ›Greifbaren‹, also im Alltäglichen. Bei Sophrons Mimoi handelt es sich um kleine dramatische Szenen, eher größere Sketche. Fast revolutionär für die Bühne: Die Sprache war dorische Prosa, nota bene: Prosa. Es kommen Näherinnen vor, Bauern, Thunfischfänger (Sizilien! – la mattanza). Nur ganz wenig ist erhalten, meist nur Titel der Stücke.

Szenen aus dem Leben des ‚kleinen Mannes‘: Kauf und Betrug, Diebstahl, Ehebruch und Kuppelei, Gerichtsszenen)

fest umrissen Typen: der Narr, der Dümmling, der geprellte Gastwirt, der betrogene Ehemann, das buhlerische Weib, der aufschneiderische Soldat, der Parasit, der Advokat

improvisierte Dialoge in der Umgangssprache

Bühne: auf öffentl. Plätzen aufgeschlagenes Brettergerüst

Kostüme: Narr mit Bleiweißbemalung, Somation und Phallos, Spitzmütze; Dümmling mit Eselsohren, der geprellte Ehemann mit Hörnern

Einfluss auf die (»neue« att.) Komödie

Überliefert wird, daß ausgerechnet Platon die Mimen Sophrons ausgesprochen schätzte und gar nicht genug davon haben konnte. Aufgrund dessen wurden sie in Athen bekannt und weiter verbreitet.

Hierzu: Horaz, Satiren I 10,2 (Chr. M. Wieland)

 

Aischylos (Athen; 535–456):
Syrakus – Drama [Perser, Aitnaiai]

Die folgenden hier dargestellten vier Persönlichkeiten verbindet, daß sie keine gebürtigen Sizilier sind, sondern auf Einladung Hierons Sizilien besuchten. Hieron, Bruder und Nachfolger Gelons – dieser hatte seine Macht auf die Zahl seiner Söldner gestützt, mit deren Hilfe er die Volksversammlung als »bevollmächtigter Stratege« im Griff hatte – führte in Syrakus eine prachtvolle Hofhaltung ein; auf diese Weise hatte er die bedeutendsten künstlerischen Köpfe von Hellas zu Gast, die ihm Lobesreden zueigneten. Erst Mitte der 60er Jahre kam es in Syrakus zum Sturz der Tyrannie und zu demokratischen Umwälzungen. Diese ergriffen ganz Sizilien und wirkten sich auch in Akragas aus, wo sich Empedokles (s. u.) auf Seiten des Demos engagierte.

Aischylos selbst, kämpferischer Demokrat, der nicht nur in Marathon gekämpft hatte, sondern auch seine Dichtung ganz in den Dienst der Polisdemokratie stellte, sah in seiner Haltung offenbar keinen Widerspruch zu einer Einladung an den Hof nach Syrakus. Man hatte ihm in Athen aber auch übel mitgespielt: reaktionäre Kreise um Kimon, den adligen Anführer der antidemokratische Spartapartei, veranstalteten gegen ihn ein politisches Kesseltreiben, um ihn in die Verbannung zu schicken. Das gelang ihnen 471 offenbar auch – obwohl er 472 mit seinen Persern im Tragödienagon gesiegt hatte. »Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan« hieß es in den Persern (v. 242). Diese Verse konnte er auch in Syrakus unter Hieron auf die Bühne bringen, denn selbst inszenierte er dort eine zweite Aufführung dieses Stückes. Einige Jahre zuvor hatte er für Hieron die Aitnaierinnen geschrieben, aus Anlaß der Gründung der Stadt Aitnai (später Katane).

Nur Fragmente sind von diesem Stück enthalten, immerhin aber finden wir im »Gefesselten Prometheus« dieses Lied auf den Ätna:

Da liegt der Riese machtlos hingestreckt

Nah an der Meeresenge, wo der Fuß

Des steilen Ätna ihn gefangenhält.

Doch auf dem Gipfel thront Hephäst und schlägt

Die Erzglut. Feuerströme werden hier

Ausbrechen und das weite grüne Land

Ringsum verzehren mit dem scharfen Zahn.

So schäumt die Wut des Typhon wieder auf,

Schnaubt wieder ihres Feuers heiße Glut,

Wennschon vom Wetterstrahl des Zeus verkohlt.

(Peter Peter 139)

Eine letzte Reise führte Aischylos nochmals in den 50er Jahren nach Sizilien, von der er nicht zurückkehrt – er stirbt 456 in Gela, – der Legende nach erschlagen durch eine Schildkröte, die ein Adler fallen ließ –, wo er auch begraben wird. Tatsächlich war ihm geweissagt worden: »Vom Himmel her wird ein Geschoß dich töten!« Auch in Gela wurden offenbar Stücke wiederaufgeführt. Als sein – eher unechtes – Grab-Epigramm wird ausgegeben:

   Αἰσχύλον Εὐφορίωνος Ἀθηναῖον τόδε κεύθει μνῆμα,
   πεπνυμένον πυροφόροιο Γέλας.
   Ἀλκὴν δ’ εὐδόκιμον Mαραθώνειον ἄλσος
   ἄν εἴποι καὶ βαθυχαιτήεις Μῆδος ἐπιστάμενος.

Aischylos liegt hier begraben, Euphorions Sohn, der Athener.

In der fruchtreichen Stadt Gela bezwang ihn der Tod.

Aber von seiner Kraft zeugt Marathons Hain, der berühmte,

Wo der Perser, der dichtlockige, sie hat erprobt.

Gab es am Hofe von Syrakus also so etwas wie intellektuelle Freiheit? Aischylos’ Aufenthalt dort scheint vielleicht auf so etwas hinzudeuten. Oder reizte ihn die Bühne von Syrakus? Wenn es in der Antike ein Theater gab, das Athen ebenbürtig war, dann war es Syrakus – das Theater der ›Neuen Welt‹ der Hellenen. Oder war es die Tatsache, daß Hieron im selben schicksalhaften Jahr von Marathon mit den vereinigten Siziliern bei Himera die Karthager zurückgeschlagen, ja: ins Meer getrieben, hatte, die sein Anknüpfungspunkt war? Wie in Athen erklang im Rund des Theaters von Syrakus der Chor:

Chor:… O o o weh, umsonst,

Unzählige Geschosse, buntgemischt,

Flogt von Asiens Erde ihr – weh! –

Wider Hellas, das Feindesland!

Bote: Voll sind von Leichen schlimmen Tods Gestorbener

Wie Salamis’ Strand so dort herum der ganze Ort.

Chor: O o o weh, der Freund’

Umirrende Leiber, salzgetränkt,

Todgewürgt, sagst du, treiben einher

Dort in Doppelgewändern?

Bote: Nichts, gar nichts half der Bogen; ganz ja ging zugrund

Das Heer, bewältigt von der rammenden Schiffe Stoß.

Chor: Schrei Wehruf zu den Feinden all,

Wildjammerndes Geklag,

Die Unheils Fülle voll-

endeten, weh, weh: des Heers Vernichtung!

Bote: O größter Abscheu – Name Salamis – meinem Ohr!

Ha, und Athen, wie stöhn ich auf, gedenk ich dein!

Chor: Verflucht, Athen, den Feinden all!

Gedenken muß ich dran,

Wie es viel Perserfraun

Raubte den Mann wie den künftgen Gatten!

(ebda.)

Andere Motive zweifellos als Aischylos zogen die anderen drei nach Sizilien, Simonides, Pindar und Bakchylides. Sie als Dichter, die sich mit ihrer Dichtkunst dem Lobpreis aristokratischer Privatleute verschrieben hatten, besuchten auf Sizilien führende, adlige Persönlichkeiten, denen sie im Auftrag chorische Dichtungen verfaßt hatten, um vor Ort die Aufführung zu leiten. Die Tyrannen förderten gern die traditionelle Chorlyrik, sei es aus Mäzenatentum wie Spätere, sei es, um ihre Höfe in poetischem Glanz erstrahlen zu lassen.

 

Simonides (Iulis/Keos 557/6–468/7 Akragas):
Preislieder, Dithyramben, Epigramme

Mit diplomatischen Geschick gelang es dort Simonides, einen Krieg zwischen den Tyrannen Hieron und Theron von Akragas zu verhindern. Hochbetagt starb er, geboren auf der Insel Keos und in Athen wirkend, das unter Hipparchos eine kulturelle Blüte erlebte, um 468 v. Chr. in Akragas.

Sein Werk umfaßte Siegeslieder (›Epinikien‹), welche die alexandrinische Literaturwissenschaft nach Kampfesarten anordneten. Wahrscheinlich hat Simonides dieses Genre begründet. Er komponierte eine große Zahl Dithyramben, mit denen er im Agon 56 mal gewonnen hat, außerdem Paiane, Threnoi und monodische, also von einem Einzelnen gesungene Lyrik (z. B. ein fragmentarisch von Platon überliefertes Trinklied für den Fürsten Skopas.

Unter den Genannten nimmt Simonides, der älteste von ihnen, insofern eine Sonderstellung ein, als er Ansätze zu aufgeklärtem Denken zeigt. Er löste die Chorlyrik vom Kult und stellte den Menschen ins Zentrum. Für sein Denken steht die überlieferte Begebenheit, nach der Hieron ihn nach dem Wesen Gottes gefragt habe. Er bat um immer längere Bedenkzeit und bekannte schließlich: »Je länger ich darüber nachdenke, umso unklarer wird mir die Sache.« In einem Fragment des Danaë-Mythos wird in neuartiger Weise mythisches Geschehen aus der Perspektive des Opfers dargestellt. Eine wichtige Rolle in Simonides’ Dichtung spielt das Thema der Thermopylenkämpfer; so wird denn auch – durch aus unsicher – das bekannte, von Schiller umgesetzte Epigramm »Wanderer…« ihm zugeschrieben.

Aufschlußreich für das Bewußtsein seiner selbst ist auch die überlieferte – wahre? – Anekdote: Auf die Frage der Frau Hierons, ob er lieber reich oder weise sein wolle, soll er geantwortet haben: »Reich«; denn die Weisen, sagte er, sehe er sich an den Türen der Reichen aufhalten.

Chorlied für die Skopaden
Es ist schwer, ein wahrhaft guter Mann zu werden.
An Armen und Beinen und Verstand
Viereckig, ohne Fehler beschaffen.
………

Mir gilt das Pittakoswort noch nicht als richtig, wenn auch von einem klugen Mann gesprochen. Er hat gesagt: Es ist schwer, gut zu sein. Gott allein kann diese Auszeichnung in Anspruch nehmen. Bei einem Menschen kann es nicht anders sein, als daß er schlecht ist, wenn ihn ein Unfall niederwirft, gegen den man hilflos ist. Jeder Mann ist gut, der guten Erfolg gehabt hat, und schlecht, wer schlechten gehabt hat. Am häufigsten aber (haben Erfolg) und am besten sind die, welche von den Göttern geliebt werden. ...

Deshalb will ich nicht suchen, was unmöglich geschehen kann, und meinen Anteil am Dasein auf eine unerfüllbare Hoffnung setzen: den ganz untadeligen Menschen, als die wir die Frucht der breiten tragenden Erde in uns aufnehmen; ich will euch nicht verkünden, daß ich solches gefunden hätte. Sondern jeden preise ich und liebe ich, der willentlich nichts Schimpfliches tut. Gegen Notwendigkeit kämpfen Götter nicht. ...

... Ich bin nicht tadelsüchtig ...; mir genügt es, wenn jemand nicht schlecht ist und nicht allzu unbeholfen, einer, der das gemeindefördernde Recht versteht, ein gesunder Mann ...

Ich werde an ihm nicht mäkeln, denn das Geschlecht der Toren ist ohne Zahl. Alles ist schön, dem Häßliches nicht beigemischt ist.

(Hermann Fränkel)

 

Pindar (Kynoskephalai/Theben; 520–445):
Akragas, Syrakus – Chorlyrik

Der berühmteste Chorlyriker jedoch schon der Antike war Pindar. Seine Dichtung ist in der Tat auch von ganz eigenem Kaliber, insbesondere galt sie schon den griechischen Muttersprachlern als schwer verständlich, weniger wegen ihres archaischen Duktus als der nur mühsam nachvollziehbaren Gedankenfolge wegen.

Im Zentrum seines Menschenbildes – jedenfalls in seinen Worten – steht die elitäre, aristokratische Auffassung davon, daß das angeborene adlige Wesen alles entscheidet. Als Beispiele dafür dienen mythische Gestalten. Der Sieg des Besungenen hängt für ihn genauso vom Segen der Gottheit ab wie die angestrebte Herrlichkeit seiner Dichtung.

Warum ist Pindars’ Gedankenfolge zumeist so dunkel? Nun, ich denke, daß hängt damit zusammen, worauf die Funktion der Sprache bei ihm abgestellt ist: Sie hat keine Mitteilungsfunktion, enthält keine Handlungsaufforderung, sondern dient einzig – wie häufig in Parteiversammlungen oder, wenn man will, auch religiösen Versammlungen – der reinen Selbstverständigung über für die Beteiligten Selbstverständliches, in diesem Fall: die unbestrittene, nicht in Frage gestellte Wertewelt der Aristokratie in ihrer nach rückwärts gewandten Form. Und in diesem Sinne ist Pindars Kunst zweifellos höchst genial: Die immer wieder gleichen Versatzstücke werden die zu einer engen Bilder- und Gedankenwelt gehörenden Elemente fast bis zur Unkenntlichkeit variiert, und natürlich kommt ihm bei diesem Unternehmen das Medium der Lyrik in ihrer ins Subjektive gewandten Sprachfunktion dabei entgegen – im Gegensatz zu Lyrikformen, die, wenngleich auch höchst verschlüsselt und sprachlich ausgesucht, Mitteilungen zu äußern in der Lage sind.

Daß Pindar dabei nicht – wie es möglich wäre – als Speichellecker erscheint, liegt wohl daran, daß er die von ihm besungenen Werte selbst überzeugend vertrat. Nur so war seine Dichtung für seine Auftraggeber letztlich auch von echtem Wert: Ein Tyrann Theron von Akragas oder Hieron von Syrakus konnte sich bestens legitimiert fühlen, wenn eine moralische Kapazität auf dem Feld überkommener Werte wie Pindar, selbst geadelt durch den Verkehr mit allen nennenswerten Adelshäusern von Hellas, ihm die Urkunde darüber ausstellte, daß er die besungenen Ideale großartig erfülle. Und Pindar hatte seinerseits ein Forum, das ihn nicht in Frage stellte – anders als das zur Demokratie tendierende Festlandshellas.

Hieron dem Syrakuser – dem Sieger mit dem Rennpferd

Das beste ist das Wasser, und das Gold sticht hervor
wie leuchtendes Feuer
bei Nacht aus dem stolzen Reichtum.
Wenn du aber Kampfspiele zu singen
wünschest, mein Herz,
dann spähe nicht neben der Sonne
noch nach einem anderen wärmeren Gestirn am Tag durch den öden Äther,
und wir wollen auch nicht neben Olympia ein vornehmeres Wettspiel preisen.
Von dorther wird der ruhmverbreitende Hymnos umgelegt
dem Geist der klugen Dichter, so daß sie preisen
des Kronos Sohn, wenn sie gekommen zum reichen
glückseligen Herde Hierons,
der des Richterstabes waltet im schafe-reichen
Sizilien. Er pflückt sich das Höchste von allen Tugenden,
er schmückt sich auch
durch der Musenkunst Blüte,
Spiele, die wir Männer häufig pflegen
an dem trauten Tisch. Wohlan, nimm die dorische Phorminx vom Nagel
wenn irgend dir Freude an Pisa und Pherenikos
den Geist in süßestes Sinnen versenkt hat,
als das Pferd am Alpheios rannte, den Leib
ungestachelt im Lauf gebend,
und dem Sieg zuführte seinen Herrn,
den syrakusischen rossekämpfenden König. Es leuchtet ihm Ruhm
in der männerstolzen Gründung des Lyders Pelops,
für den entbrannte der großmächtige Erdenschüttler
Poseidon, als aus dem reinen Kessel Klotho ihn gehoben hatte,
mit Elfenbein an der blinkenden Schulter geschmückt.
Fürwahr, Wunder gibt es viele, freilich manchmal auch trügen der Menschen
Reden über die wahre Geschichte hinaus,
Fabeln mit bunten Lügen verziert.

(Ü Dornseif verständlich)

 

Bakchylides (Keos; 505–450); Syrakus – Chorlyrik

Bakchylides war ein Neffe des Simonides, 468 verdrängte er Pindar in Hierons Gunst. Er war offenbar deutlich oberflächlich als seine beiden Kollegen und dichtete unbekümmert für einen »Adel im Untergang« weiter. Formal finden sich bei ihm dialogisch-dramatisch gestaltete Dithyramben mit strophisch gestalteten Wechselreden – Vorboten der dramatischen Dichtung der Tragiker.

Dithyrambos: Kultlied auf Dionysos (seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. auch auf andere Götter und Heroen), das musikalisch vorgetragen wurde. In Attika entwickelte sich aus dem Dithyrambos die Tragödie.

 

Korax & Teisias (Syrakus; 1. H. 5. Jh.):
Begründer der (forensischen) Rhetorik

Mit Korax und Teisias haben wir wieder zwei waschechte Sizilier vor uns, und man möchte meinen, in ihnen komme auch etwas typisch Sizilisches zum Ausdruck: Sie gelten als »Erfinder« der Rhetorik und als Lehrer des Gorgias, auf den ich dann auch zu sprechen kommen werde – als die vielleicht neben Empedokles wichtigste Intellektuellengestalt, die das griechische Sizilien hervorgebracht hat. Wir lesen bei Platon, daß es auf Sizilien nach dem Zusammenbruch der Tyrannien zunächst in Syrakus und Gela zu zahlreichen Grundstücksprozessen gekommen sei. In dieser Situation bedurfte man fähiger Gerichtsredner, und in diesem Zusammenhang traten die beiden, scheint es, auf. Sie haben aber auch das erste Lehrbuch der Rhetorik verfaßt, von dem wir wissen. Auf dieses geht die Einteilung der Rede in prooimion, agones, epilogos zurück ebenso wie die Definition der Rhetorik als πειθοῦς δημιουργός. Auch der Begriff des εἰκός, der Wahrscheinlichkeit, geht hierauf zurück, eingehend behandelt von Teisias.

Nach einem Informationsstrang war dann Gorgias Schüler dieser beiden, nach einem anderen (Aristoteles) Schüler des Empedokles, der danach die Rhetorik »erfunden« habe.

 

Gorgias (Leontinoi; 483–376):
Erkennnistheorie; Rhetorik; ––> Athen

Wie immer man das bewerten möchte, Gorgias wurde epochemachend für die Entwicklung der griechischen Kunstprosa und damit der Prosa als westliche Ausdrucksform überhaupt. Seine Idee: Die in den Sprachformen liegenden Reize der Gleichklänge oder Reime für die Prosa zu nutzen, um sie zu einer der poetischen Ausdrucksweise ebenbürtigen Gestaltungsform zu machen.

Im Alter von über fünfzig Jahren kam Gorgias 427 als Gesandter seiner Heimatstadt nach Athen und nahm damit entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der dortigen Rhetorik. Er gefiel den Menschen in seiner Art und mit seinen Reden so gut, daß er nunmehr auf dem Festland blieb und nicht nach Sizilen zurückkehrte. Er soll über hundert Jahre alt geworden sein. Auf seinen Vortrags- und Lehrreisen durch Griechenland erwarb er sich ein derartiges Vermögen, daß er sich in Delphi ein goldenes Standbild seiner selbst aufstellen ließ.

Die Wucht seines Einflusses ist ablesbar an der Reaktion Platons. Seine Polemik gegen die Rhetorik liegt in seinem Dialog Gorgias vor. Zusammen mit der platonischen Kritik an Rolle und Lehre der Sophisten, mit denen Gorgias zusammen gesehen werden muß, hat diese Polemik übermächtig gewirkt und die Rezeption natürlich der Sophisten selbst wie des Gorgias und seiner Rhetoriklehre bis heute beeinflußt; sie war im wahrsten Sinne des Wortes so vernichtend wie etwa die antike Kritik an Demokrit, dessen Werke in der Folge eben nicht erhalten blieben.

Für die Kunstprosa stellte er formale Regeln auf:

Für Sätze, die sich entsprechen sollten, forderte er inhaltlich und formal gleichgebaute (d. h. gleiche Silbenzahl), im Umfang einander genau entsprechende parallele Satzglieder (Isokolie), die nach Möglichkeit in gegensätzlicher Beziehung zueinander stehen(als Antithese)

Für den Schluss eines Satzes oder Abschnitts waren bestimmte Rhythmen, teilweise auch der Reim nötig. d. h. die den gleichen Lautausgang haben (Homoioteleuton)

Außerdem sollten die Satzschlüsse (als Klauseln) rhythmisch gestaltet werden

Gorgias verwendete paradoxe Wendungen und spitzfindig scheinende Argumente, um seine Meinung als wahrscheinlich und richtig hinzustellen. Neben Prunk- und Festreden (u. a. die Leichenrede auf die im Pelopennesischen Krieg gefallenen Athener) verfaßte er zu Unterrichtszwecken Musterdeklamationen. Von seinen zahlreichen Schülern ist Isokrates zu erwähnen.

Nun, diese Dinge sind ihnen alle aus der römischen Rhetorik bekannt. Das eigentlich an Gorgias Hervorzuhebende wäre in meinen Augen jedoch folgendes:

Im Kern schufen Gorgias und die sog. Sophisten um ihn eine handlungsorientierte Redelehre, wie sie die heutige Auffassung von Sprache definiert. Danach geht es beim Sprechen darum, im Zuhörer eime Reaktion auszulösen, die bewirkt, daß er das Geäußerte im Sinne des Sprechenden versteht, d. h. im Sinne des Sprechenden handelt – auf der ersten Ebene als Verstehensakt, auf weiteren Ebenen als Vollzug vom Sprecher intendierter Handlungen, wozu auch die Annahme der geäußerten Meinung besteht. Das ist die gorgianische peithó, welcher z. B. Platon in ideologischer Absicht seine Auffassung vom Lehren als Vermittlung von Wahrheit, und zwar absoluter Wahrheit, entspreche. So wird bei Platon aus peithó, persuasio manipulierende Überredung, bei der es nicht auf Wahrheit, sondern auf Obsiegen im Diskurs auch auf Kosten der Wahrheit ankomme. Dem setzt Gorgias (und die Sophisten) eine – heute so auch zugrundegelegte – Auffassung von Erkenntnis – und damit sprachlicher Äußerung – entgegen, die auf der individuellen (sozial vollzogenen) Annäherung an die objektive Außenwelt basiert, die nur im Rahmen von Erfahrungen gelingt und somit »subjektiv« sind (Homo-Mensura-Satz). Dieser sozialwissenschaftlich ausgerichteten Theorie setzt Platon seine Auffassung von Ideen als Fixsternen am Fundament entgegen. Seine Kommunikationstheorie entspricht damit etwa der Praxis von Dichtkunst eines Pindar oder Bakchylides, Gorgias trägt mit seiner Auffassung der Tatsache Rechnung, daß z. B. wissenschaftliches Erkennen und Handeln im Gefüge eines sozialen Diskurses stehen.

»Als Kommunikatoren stehen die Sophisten zugleich auch am Anfang der Wissenschaftlichkeit. Soziologisch betrachtet ist Wissenschaftlichkeit nicht schon in der wissenschaftlichen Leistung eines einzelnen verwirklicht – obwohl auch der wissenschaftlich Arbeitende nicht ohne soziologische Determinanten zu denken ist –, sondern steht im größeren Kontext eines gesellschaftlichen Diskurses, in dem das Fachgespräch, der Disput und die öffentliche Diskussion unter Hinzuziehung von Spezialisten überhaupt erst stattfinden können. Die sophistische epideixis, das Herausstellen der rhetorischen und sachlichen Kompetenz, ist so betrachtet schon ein hochentwickeltes Phänomen, das den spezialwissenschaftlichen physikos logos der Vorsokratiker aus einer »internen« in eine »externe Öffentlichkeit« überführt. Rhetorische Fertigkeit wird so zu einer konstitutiven Bedingung der Verbreitung von Wissen und schafft so die Vermittlungsmöglichkeiten zwischen den Spezialisten und einer weiteren gesellschaftlichen »Öffentlichkeit«. Diese Verbindung von kommunikativer Kompetenz einerseits und sachhaltiger Information andererseits, wie sie sich in der Ankündigung des Gorgias ausdrückt, über jeden Gegenstand kurz oder lang reden zu können, ist also nicht irgendwie zufällig, sondern man kann sagen, daß die sophistische Rhetorik sich nur entfalten konnte, weil es etwas gab, was zu vermitteln und zu kommunizieren war« (Schirren/Zinsmaier).

Lob Helenas, Palamedes

 

Protagoras (485–415; aus Abdera):
Philosophie

gilt als bedeutendster der Sophisten; wurde in Athen wegen Gottlosigkeit verurteilt, ertrank vermutlich auf der Flucht nach Sizilien. Dort hat er auch gelehrt. Sein Satz »Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, der nicht seienden, daß sie nicht sind« (Homo-Mensura-Satz) ist die Grundlage seines Relativismus (alles ist, wie es dem Einzelnen erscheint), mit dem sich Platon auseinandersetzte.

Dieser Satz wurde in der Folge der auch hier wieder denunziatorischen Auseinandersetzung mit dem Sophisten durch Platon als Slogan des Relativismus (dagegen Platon: »Gott ist das Maß…«) ausgelegt. Er steht indes in erkenntnistheoretetischem Kontext wie etwa Gorgias’

Περὶ τοῦ φύσεως ἢ περὶ τοῦ μὴ ὄντος οὐκ εἶναι οὐδέν· εἰ δ’ ἔστιν, ἄγνωστον εἶναι· εἰ δὲ καὶ ἔστι καὶ γνωστόν, οὐ δηλωτὸν ἄλλοις.

Ps.Aristot. de Xenoph. Mel. Zen. V p. 979a 12)

HklA, GrLit I S. 514: Gorgias

Der Rigorismus der Ausdrucksweise bildet eine Reaktion auf die Eleaten, welche die Sinneswahrnehmung und die Welt der Phänomene massiv abgewertet hatten.

 

Empedokles (Akragas; 483–423):
Naturphilosophie

Empedokles war nicht nur Wissenschaftler und Philosoph, er nahm aktiv und tatkräftig am politischen Leben seiner Stadt Akragas teil. Dort befand er sich – als Aristokrat – auf der Seite der demokratischen Partei. E. war Arzt, Priester und Wanderprediger.

Wissenschaftlich wurzelt er einerseits in der Philosophie Zenons von Elea, der die Unbweglichkeit und Einheitlichkeit des Seins betonte, andererseits gelangt er in seinem werk Peri physeos zu einer Gesamtschau der Welt, die nicht nur fast frei von mythischen Spekulationen ist, sondern auch in einem bis dato unbekannten Ausmaß ein einheitliches, anschauliches Weltmodell formuliert. Kern bildet die Existenz der unvergänglichen vier Elemente, die bei ihm jedoch qualitativ unveränderlich sind (Parmenides). Andererseits ergeben Ortswechsel, Mischung und Entmischung der als unbegrenzt teilbar gedachten, den Raum füllenden Materie Bewegung, Entstehung und Veränderung der Dinge, ganz im Sinn Heraklits. Als »bewegende Faktoren« führen Liebe und Haß die Elemente zueinander und trennen sie, ein metaphorisches, im Kern vielleicht noch mythisch orientiertes Denken.

Mit diesem Weltmodell haben wir eine Auffassung von uns, die dem heutigen Urknallaberglauben eine schon vor 2500 Jahren entstandene, heute weiterhin – in anderen Formulierungen – bestandsfähige rationale Theorie entgegensetzt.

Eine Entsprechung findet dieser Rationalismus in Empedokles’ Hypothesen über die Entstehung neuer Organismen: Im Zuge periodisch sich wiederholender Weltentstehungen entwickeln sich neue Organismen in unterschiedlicher Art und Zusamensetzungen der Gliedmaßen. Dabei hat nur das Zweckmäßige Bestand, und so entstanden Mensch und Tier – in mechanistischer, nicht evolutionistischer Ausprägung ein Vorgriff auf Darwins »Überleben der Geeignetsten«. Man halte die aktuell jenseits des Atlantiks diskutierten und hierher überschwappenden Vorstellungen von einer intelligenten Schöpfung dagegen. Vor dem dargestellten Hintergrund war es der Franzose Romain Rolland, der Empedokles als »den menschlichsten« der griechischen Philosophen bezeichnete, dessen »Gesang schon ganz der modernen Zeit entspricht«.

Von den vielen Berichten über Empedokles’ Tod ist sein Sprung in den Ätnaschlund nur einer und vermutlich eher der unzutreffendste. Mir geht es so, daß ich mich von dieser Idee am wenigsten gern verabschiede, wobei ich nicht unbedingt der zum Beweis dieses Todes mitgeteilten Legende glaube, nach der man später die vom Vulkan ausgespiene (natürlich eherne) Sandale des Philosophen wiedergefunden habe. Aber ich denke, in dieser Geschichte könnte etwas vom vielleicht bis zum Leichtsinn reichenden exploratorischen Geist des Naturforschers stecken, den Naturphänomene aufs höchste interessierten. Beispiele:

Einmal, als eine Ernte von anhaltenden Stürmen bedroht war, riet der Philosoph, eine große Zahl von Eseln zu schlachten. Aus deren Häuten wurden Schläuche gefertigt und auf den Hügeln und Höhen ausgespannt. Die Stürme wendeten sich alsbald gehorsam von den Feldern ab, und zu den bereits bestehenden Titeln eines Staatsmannes, Denkers, Rhetorikers, Sehers, Magiers und Wunderheilers gesellte sich nun auch noch der Ruf, ein kolysanemas – ein Windebändiger – zu sein.

Herrschte er hier über den Äther, so ein andermal über das Wasser. In einem Landstrich Siziliens wütete eine Seuche, deren Ursache man in den üblen Ausdünstungen eines nahen Flusses vermutete. Empedokles empfahl, zwei andere Flüsse in den einen zu leiten, und durch die Mischung der Gewässer und die so erzielte Strömung die Seuchenerreger zu verscheuchen. Abermals behielt er recht.

Wer weiß also, welche Unternehmungen er verfolgte, um eventuell die Ausbrüche des Ätna beherrschen zu lernen?

Der Tod des Empedokles von Hölderlin sei nur an Rande erwähnt.

 

Empedokles: Mischung der Elemente

Seine Lehre besagte folgendes. Es gebe vier Elemente: Feuer Wasser, Erde, Luft; dazu die Liebe, durch welche die Vereinigung, und den Streit, durch welchen die Trennung bewirkt werde.

Vier sind die Wurzelkräfte von allem, höre sie erstlich:

Zeus der leuchtende, Hera, die lebenspendende, Hades,

Nestis, welche aus Tränen entströmen läßt irdische Quelle.

Ungewordene (sind sie).

Weiter will ich dir sagen: Geburt ist nirgends, bei keinem

Aller irdischen Dinge noch Ende im schrecklichen Tode,

Sondern nur Mischung ist und wechselnder Tausch des Gemischten,

Doch ›Geburt‹ ist dafür nur üblicher Name den Menschen.

Sie – wenn (die ewigen Stoffe) am Menschen gelangen zum Lichte

Oder bei wilder Tiere Geschlecht oder auch bei den Pflanzen

Oder den Vögeln – dann sprechen sie immer von ›Werden‹,

Scheiden sie sich, dann wieder von ›unglückseligem Tode‹.

Recht so nennen sie’s nicht, doch dem Brauche folge ich selber.

(Und vom) Tode (sprechen sie gar) als dem Rächer (des Frevels).

Toren sind sie, nicht langgestreckt sind ihre Gedanken;

Denn sie vermeinen, ein früher nicht ›Seiendes‹ könne doch ›werden‹,

Oder ein Ding könne sterben und gänzlich vergehn und verschwinden.

Nimmermehr wäre ein Weiser, der solches kündet’ im Geiste:

Nur so lange sie ›leben‹ – was ›Leben‹ eben sie heißen –,

So lange ›sind‹ sie und Schlimmes und Gutes ist ihnen beschieden,

Nichts sind sie vor der Verbindung und nach der Lösung der Stoffe.

Daß Nichtseiendem etwas entwachse, ist nimmer vollführbar,

Und daß Seiendes gänzlich vergehe, unmöglich und unwahr.

Immer wird es dort sein, wo ihm die Stelle gewiesen.

Auch ist im Weltall nichts Leeres, nichts Übervolles zu finden.

Nichts vom Weltall ist leer. Wie sollt’ ein Etwas es mehren?

Doppeltes will ich verkünden: bald wächst ein einziges Ganzes

Aus der Mehrheit heraus, bald scheidet sich’s wieder zur Mehrheit.

Zwiefach ist irdischer Dinge Entstehn und zwiefach ihr Schwinden.

Eines erzeugt und zerstört der Stoffe engste Verbindung,

Und das andre, erwachsen, zerfliegt, wenn wieder sie scheiden.

Also wechselt’s im Tausch und findet nimmer ein Ende.

Bald verbindet sich alles zu einem im Drange der Liebe,

Bald zertrennet’s zu Einzelnem sich im Hasse des Streites.

So wie nun Eins aus mehrerem weiß zu werden und wachsen

Und wieder, wenn das Eine zerwächst, sich mehreres bildet,

Also werden sie stets, ist unbeständig ihr Leben,

Doch wie im wechselnden Tausch sie nimmer finden ein Ende,

Also sind sie für ewig beweglose Götter im Kreislauf.

Höre – wohlan! – meine Worte! Denn Lernen mehret den Geist dir.

Wie ich früher schon sagte, das Ziel der Lehre bestimmend,

Doppeltes will ich verkünden: bald wächst ein einziges Ganzes

Aus der Mehrheit heraus, bald scheidet’s sich wieder zur Mehrheit,

Feuer und Wasser und Erde und Luft, unendlich an Höhe;

Streit zudem der verwünschte, gesondert, gleich wuchtig im Ganzen,

Und die Liebe in ihnen, gleich groß an Länge und Breite:

Schau mit dem Geist sie und sitze nicht da mit verwunderten Augen !

Diese gilt auch als eingeboren den menschlichen Gliedern,

Und durch sie empfinden sie Liebe, vollziehn sie die Ehe,

›Wonnefrohsinn‹ sie nennend und ›Aphrodite‹ mit Namen.

Daß sie auch wirbelt im Stoffegemeng, hat noch niemand gefunden

Unter den Menschen. Du aber vernimm die untrügliche Lehre! –

Diese Stoffe und Kräfte sind gleich an Macht und an Alter,

Aber es wechselt ihr Amt und jedem ist andere Artung,

Jedes am Teil gewinnet die Herrschaft im Umschwung des Zeitgangs.

Und nichts kommt zu ihnen hinzu, nichts endet von ihnen.

Gingen sie nämlich gänzlich zugrunde, so wären sie nicht mehr.

Und was sollte dies Ganze vermehren? Woher auch gekommen?

Wie aber sollte es auch verschwinden, da leer nichts von ihnen?

Nein, sie eben nur sind; indem durcheinander sie laufen,

Werden sie dieses und jenes und unablässig das gleiche.

Übersetzung: W. Kranz (1949), Erasmus-Bibliothek
in: Walter Rüegg, Antike Geisteswelt I, 77ff. (1964/1967)

 

Thukydides (Athen; 460– 400):
Historiker (
Sizilien, »Siz. Expedition«)

Siz. Expedition, Nikias/Alkibiades

 

Philoxenos (Kythera; 435/4–380/79):
Syrakus – Dithyrambendichter

Philoxenos von der Insel Kythera gehörte ebenfalls zu den Günstlingen eines der sizilischen Herrscher, nämlich Dionysios’. Er war Dithyrambendichter und soll hier auch kurz vorgestellt werden, weil in dem Dithyrambos Kyklops, der die Abenteuer des Odysseus behandelte, als Episode die Liebe des Unholds Polyphem zur Nymphe Galateia vorkam. Das soll auf den Herrscher gemünzt gewesen sein, wird berichtet, weil er, Ph., Dionysios allzu freimütig in dessen poetischen Versuchen kritisiert habe und darauf in die Steinbrüche gesperrt wurde; andere Variante: Dionysios brachte ihn die Eifersucht wegen einer Hetäre in die Latomien… Aristophanes sinerseits hat den Stoff in seinem Plutos parodiert, eine weitere Ausgestaltung erfuhr er dann bei Theokrit in einer ganz neuartigen, reizvollen Ausgestaltung.

Weiterer von ihm erhaltener Text: Das »Gastmahl«; vgl. Dalby/Grainger, Küchengeheimnisse der Antike, Würzburg 1996, S. 42–44 (mit Textausschnitt).

 

Hippias von Elis (Syrakus; 2. H. 5. Jh.):
Philosophie, Mathematik

Hippias war als – von Platon ebenfalls denunzierter – »Sophist« Universalgelehrter und Enzyklopädist, bei Xenophon erfahren wir von ihm etwas als Lehrer der Mnemotechnik. Seine Auffassungen waren von der Haltung geprägt, ein seriöser Mann müsse imstande sein, über alles sachlich fundiert zu reden und sich dabei auch in Gegenpositionen hineinversetzen können. Offenbar befähigte ihn das zu politischer Geschicklichkeit, so daß er als Gesandter seiner Vaterstadt häufig in ganz Hellas unterwegs war und sich auch auf Sizilien aufhielt. Auch hielt er Vortragsreden, um sich selbst zu präsentieren, und ließ sich dabei von seinen Zuhörern zu allen denkbaren Themen befragen. Daß er dabei reich wurde, gefiel Platon natürlich auch nicht.

 

Philistos (Syrakus; 432–356):
Historiker (
General Dionysios’ I.)

Geboren um 433 v. Chr. zu Syrakus, unterstützte 406 den ältern Dionysios bei Erlangung und Behauptung der Herrschaft über seine Vaterstadt, wurde 386 von demselben verbannt und erst 367 von dem jüngern Dionysios zurückgerufen, bei dem er großen Einfluß erlangte und 361 die Verbannung des Dion und Platon durchsetzte. Im Kampf gegen Dion, gegen den er als Befehlshaber der Flotte eine Seeschlacht verlor, gefangen, wurde er vom Volk umgebracht (356). Er schrieb in der Verbannung ein Geschichtswerk (›Sikelika‹) über sizilische Geschichte, von dessen 13 Büchern die ersten sieben die Geschichte der Insel bis zur Einnahme von Agrigent (406), vier Bücher die des ältern, zwei die des jüngern Dionysios behandelten. Er orientierte sich an Thukydides‘ Geschichtsdarstellung, wurde jedoch in der Antike nicht einheitlich beurteilt, insgesamt als weniger bedeutend und seriös eingeschätzt (daher von Cicero pusillus Thucydides, »Miniatur-Thukydides« genannt). Bruchstücke in Müllers »Historicorum graecorum fragmenta«, Bd. 1.

Cicero (ad Qu. fratrem XI 4): Itaque ad Callisthenem et ad Philistum redeo, in quibus te video volutatum. Callisthenes quidem vulgare et notum negotium, quemadmodum aliquot Graeci locuti sunt: Siculus ille capitalis, creber, acutus, brevis, paene pusillus Thucydides; sed, utros eius habueris libros – duo enim sunt corpora – an utrosque, nescio. Me magis „de Dionysio“ delectat; ipse est enim veterator magnus et perfamiliaris Philisto Dionysius.

 

Platon (428/7–349/8):
Syrakus – politische Philosophie

Drei Besuche Platons auf Sizilien sind bekannt, 388/387; 366/365; 361/360. Quelle für seine Motive und Resultate bildet vor allem der inzwischen als echt eingestufte sog. Siebte Brief, der natürlich die gesamte Problematik seiner Besuche aus seiner Sicht darstellt. Besonderes Pech war, daß er dabei einmal als Sklave verkauft, allerdings glücklich wieder freigekauft wurde. Aber diese prinzipiell stets gegebene Freiheit, in Sklaverei zu geraten, war ja mit Grundlage des »normalen« Lebens und als ökonomische Existenzgrundlage der attischen Demokratie zwingend.

Bei seinen Sizilienaufenthalten ging es Platon darum, seine Staatstheorie im Experiment zu realisieren. Die Grundtheoreme: Weiser Herrscher, genau definierte Klassengrenzen, Polizei oder Stasi als Ordnungskaste, Grundlage der Gerechtigkeit: Jeder hält sich an das, was ihm sozial zusteht. Hierauf gründet sich Poppers Faschismusvorwurf, der freilich ganz unhistorisch ist, aber auf den richtigen Kern eines elitären Totalitarismus zielt. Die sizilischen Tyrannen schienen ihm für ein Experiment geeignet, doch hatte er die Rechnung ohne ihren gesunden Eigennutzverstand gemacht.

Beim ersten Mal kam Platon noch als Bildungreisender, der den Ätna sehen wollte; doch kehrte er auch bei Hofe ein und war sittlich empört:

In dieser Überzeugung begab ich mich, als es zum erstenmal geschah, nach Italien und Sizilien. Als ich dorthin kam, sagte mir das, was man dort bei reichlichen italischen und sizilischen Leckereien ein glückliches Leben nennt, keineswegs und in keiner Weise zu, dahinzuleben, indem man zweimal des Tags sich vollpfropft und keine einzige Nacht allein schläft und welche Gewohnheiten sonst an ein solches Leben sich knüpfen. Könnte und würde doch von allen Menschen unter der Sonne keiner – denn so glückliche Temperamente wird es nicht geben – jemals bei einer solchen Lebensweise zu einem Verständigen und Besonnenen werden. Dieselbe Behauptung möchte wohl auch von den übrigen Tugendgattungen gelten, und kein Staat dürfte, seien seine Gesetze beschaffen, wie sie wollen, zur Ruhe gelangen, wenn seine Bürger meinen, alles im Übermaß vergeuden und nichts anderes der Bemühung wert achten zu müssen als Schmause und Zechgelage und eifrig erstrebte Liebesgenüsse.

Allem inneren Protest zum Trotz, Dionysios’ Schwager und Schwiegersohn wurde sein Anhänger und Schüler, Platon gab dessen werbenden Einladungen schließlich nach. Er vergaß, daß in Syrakus die Philosophen einander die Klinken in die Hand gaben. Für Dionysios war er einer unter vielen, und er behandelte ihn offenbar wie einen armen Irren, wollte ihn in Frauenkleidern und ließ ihn als Sklaven verkaufen. Nach der oben erwähnten Auslösung schrieb er seine Politeia. 367 rief ihn Dion – er war an die Macht gekommen – zurück, Platon folgte, wenn ihm auch mulmig war. Ich kürze ab: Was Platon v.a. übersehen hatte, waren die unklaren Machtverhältnisse. Dionysios II. schickte Dion in die Verbannung, Platon floh. 361 wollte Dionysios II. selbst ihn wiederholen, doch immer noch nichts hatte Platon etwas von Politik begriffen: er ließ sich wieder breitschlagen. Erst als er im Kerker gelandet und mit Archytas’ (Tarent) Hilfe erneut abenteuerlich war, reichte es ihm. Müßig, darüber zu spekulieren, wie Platon versucht hat oder hätte, realiter in Syrakus Politik zu machen. Bezogen auf seine Theorie, wäre es verheerend gewesen.

 

Archestratos (1. H. 4. Jh.):
Gela – Koch, Gastronom, Autor

»Hedypatheia« (»Süßer Genuß«, »Gutlebe«; Kochbuch in Versform)

A. Dalby: Essen und Trinken im alten Griechenland, 165ff.; Kap. »Sizilische Tafeln«

 

Timaios (Tauromenion; 350–250):
Historiker

http://de.wikipedia.org/wiki/Timaios

Der griechische Historiker Timaios (* ca. 345 v. Chr. ; † ca. 250 v. Chr. ) wurde in Tauromenion auf Sizilien geboren. Nach seiner Vertreibung durch Agathokles wanderte er nach Athen aus wo er als Schüler des Isokrates Rhetorik studierte und für fünf Jahre lebte. Während der Herrschaft von Hieron II. kehrte er nach Sizilien (vermutlich nach Syrakus ) zurück, wo er später auch starb.

Während seines Aufenthalts in Athen vollendete er sein großes Historisches Werk Die Historien in mehr als 30 Bänden. Es war in mehrere ungleiche Abschnitte unterteilt welche die Geschichte des alten Italiens und Siziliens Siziliens allein Siziliens und Griechenlands ferner die Geschichte der Städte und Könige Syriens (Der Text von Suidas ist nicht überliefert.) und des Lebens des Agathokles und des Pyrrhus König von Epirus beinhalteten. Seine Aufzeichnungen (Die Sieger von Olympia) stellten vermutlich einen Anhang zu seinem großen Werk dar.

Timaios wurde von anderen Historikern – besonders von Polybios – scharf attackiert, und in der Tat sorgte seine Ungerechtigkeit seinen Vorgängern gegenüber, die ihm auch den Spitznamen Epitimaios (Fehler-Finder) einbrachte, für böses Blut. Polybios war ein erfahrener Soldat und Staatsmann, Timaios ein Bücherwurm ohne militärische Erfahrung oder persönliche Kenntnisse von den Orten, über die er schrieb. Der schwerwiegendste Vorwurf gegen Timaios war, daß er mutwillig die Wahrheit verdrehe, wenn er durch persönliche Ansichten beeinflußt werde. Daher war er Dionysios und Agathokles gegenüber äußerst ungerecht während er auf Timoleon, den er sehr mochte, Loblieder sang. Auf der anderen Seite – wie selbst Polybios zugeben mußte – konsultierte Timaios alle verfügbaren Quellen und Aufzeichnungen.

Ebenso hat Timaios der Chronologie große Aufmerksamkeit gewidmet und das System der Rechnung in Olympiaden eingeführt. Dieses System, obgleich es nicht im alltäglichen Leben benutzt wurde, fand später allgemein bei den griechischen Historikern Verwendung. Sowohl Dionysios von Halikarnaß als auch Pseudo-Longinus beschrieben ihn als ein Paradebeispiel der Kaltherzigkeit, obwohl letzterer ihm zugestand, daß er in anderer Hinsicht ein kompetenter Schriftsteller sei.

Cicero, der ein eifriger Leser des Timaios war, hatte eine weitaus positivere Meinung von ihm. Besonders hob er die Reichhaltigkeit des Inhalts und die Vielfachheit seines Ausdruckes hervor. Timaios war eine der höchsten Autoritäten für Gnaeus Pompeius Trogus, Diodorus Siculus und Plutarch in seinem Leben des Timoleon.

Timaios lautet auch der Titel einer dialogischen Schrift von Platon .

Wohl von Timaios von Tauromenion (um 350–255 v. Chr.) wurde die Olympiadenrechnung eingeführt. Erste Umrechnungen finden sich aber schon beim sizilianischen Politiker und Geschichtsschreiber Philistos.

 

Euhemeros (Messana; 340– 260):
Philosoph, Schriftsteller, Mythenkritiker und -autor

Makedonien (Kassander); »Euhemerismus«

ἱερὰ ἀναγραφή

 

Rhinthon (Syrakus; 300):
(literarische) Phlyakenposse oder
ἱλαροτραγῳδία
(entstanden in Unteritalien)

Rh. war Sohn eines Töpfers, 38 Possen sind belegt, meist Travestien nach Euripides, etwa ᾿Αμφιτρύων, ῾Ηρακλῆς, ᾿Ιφιγένεια ἐν Αὐλίδι sowie ἐν Ταύροις, Μήδεια, ᾿Ορέστης, Τήλεφος und Δοῦλος Μελέαγρος. Der Amphitruo des Plautus gibt ein gewisses Bild dieser Stücke, obwohl Rhinthon dafür keine Vorlage lieferte. Interessant an Rhinthons Stücken ist das, wie oben mitgeteilt, aus Griechisch und Italisch gemischte Patois, ein aufschlußreiches Phänomen für das kulturelle Nebeneinander in den griechischen Siedlungsgebieten. Für Varro war, wie wir wissen die comoedia Rhinthonica ein fester Begriff. [Die äußere Gestalt dieser volkstümlichen Tragikomödien ist für uns gut in den zahllosen unteritalischen sog. apulischen Vasen faßbar.]

 

Sosiphanes (Syrakus; *306/5): Dramatiker

Sosiphanes gehörte zu einer gefeierten Dramatikerplejade am Hof des Ptolemaios Philadelphos zu Alexandreia, der dort Schauspielfestivals veranstaltete. Die Stücke sind verloren und fanden auch bei römischen Dramatikern keine Nachahmung. Die Fortdauer dramatischer Festivals bis in römische Zeit ist jedoch durch Inschriften gesichert.

S. verarbeitete seinerseits den Meleagerstoff, von dem uns als einzig erhaltene dichterische Darstellung die des Ovid (Met. 8, 270 ff.) vorliegt.

Meleagros (lateinisch Meleager), griechischer Mythos: ein Sohn des Königs von Kalydon und der Althaia. Bei seiner Geburt verkündeten die Moiren, sein Leben sei an ein Holzscheit gebunden, das Althaia verwahrte. Meleagros erlegte gemeinsam mit Atalante den Kalydonischen Eber (Kalydonische Jagd) und schenkte ihr dessen Fell; darüber geriet er mit den Brüdern der Althaia in Streit und erschlug sie. Althaia warf daraufhin das Scheit ins Feuer. – Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. beliebtes Thema in der bildenden Kunst.

 

Archimedes (Syrakus; 287–212):
Mathematiker, Physiker, Mechaniker

HklAW VI ii,1, Seite 213ff.

Textdokumente bei: Bibliotheca Augustana

Über seinen Tod (212) berichtet Livius XXV 31:

Archimeden … in tanto tumultu, quantum pavor captae urbis in discursu diripientium miltum ciere poterat, intentum formis, quas in pulvere descripserat, ab ignaro milite, quis esset, interfectum; aege id Marcellum tulisse sepulturaeque curam habitam, et propinquis etiam inquisitis honori praesidioque nomen ac memoriam eius fuisse.

»Noli turbare circulos meos« soll Archimedes ausgerufen haben, als sich ihm der römische Soldat näherte. Dieser Ausspruch wird von Valerius Maximus (Factorum et dictorum memorabilium libri IX 5) in seiner Anekdote um den Gelehrten so berichtet:

Archimedis quoque fructuosam industriam fuisse dicerem, nisi eadem illi et dedisset uitam et abstulisset: captis enim Syracusis Marcellus, machinationibus eius multum ac diu uictoriam suam inhibitam senserat, eximia tamen hominis prudentia delectatus ut capiti illius parceretur edixit, paene tantum gloriae in Archimede seruato quantum in oppressis Syracusis reponens. At is, dum animo et oculis in terra defixis formas describit, militi, qui praedandi gratia domum inruperat strictoque super caput gladio quisnam esset interrogabat, propter nimiam cupiditatem inuestigandi quod requirebat nomen suum indicare non potuit, sed protecto manibus puluere ›noli‹ inquit, ›obsecro, istum disturbare‹, ac perinde quasi neglegens imperii uictoris obtruncatus sanguine suo artis suae liniamenta confudit. Quo accidit ut propter idem studium modo donaretur uita, modo spoliaretur.

Sein berühmter Spruch: δός μοι ποῦ στῶ, καὶ κινῶ τῆν γῆν

Cicero Tusc. V 64: über Archimedes‘ Grabdenkmal in Syrakus (das er als Quaestor 76 wiedergefunden hatte): auf ihm befanden sich Zylinder und Kugel zur Erinnerung an die diesbezüglichen Berechnungen.

XXIII. [64] Non ego iam cum huius vita, qua taetrius miserius detestabilius escogitare nihil possum, Platonis aut Archytae vitam comparabo, doctorum hominum et plane sapientium: ex eadem urbe humilem homunculum a pulvere et radio excitabo, qui multis annis post fuit, Archimedem. Cuius ego quaestor ignoratum ab Syracusanis, cum esse omnino negarent, saeptum undique et vestitum vepribus et dumetis indagavi sepulcrum. Tenebam enim quosdam senariolos, quos in eius monumento esse inscriptos acceperam, qui declarabant in summo sepulcro sphaeram esse positam cum cylindro.

[65 ] Ego autem cum omnia conlustrarem oculis—est enim ad portas Agragantinas magna frequentia sepulcrorum -, animum adverti columellam non multum e dumis eminentem, in qua inerat sphaerae figura et cylindri. Atque ego statim Syracusanis—erant autem principes mecum—dixi me illud ipsum arbitrari esse, quod quaererem. lnmissi cum falcibus multi purgarunt et aperuerunt locum.

[66] Quo cum patefactus esset aditus, ad adversam basim accessimus. Apparebat epigramma exesis posterioribus partibus versiculorum dimidiatum fere. Ita nobilissima Graeciae civitas, quondam vero etiam doctissima, sui civis unius acutissimi monumentum ignorasset, nisi ab homine Arpinate didicisset. Sed redeat, unde aberravit oratio: quis est omnium, qui modo cum Musis, id est cum humanitate et cum doctrina, habeat aliquod commercium, qui se non hunc mathematicum malit quam illum tyrannum? Si vitae modum actionemque quaerimus, alterius mens rationibus agitandis exquirendisque alebatur cum oblectatione sollertiae, qui est unus suavissimus pastus animorum, alterius in caede et iniuriis cum et diurno et nocturno metu. Age confer Democritum Pythagoram, Anaxagoram: quae regna, quas opes studiis eorum et delectationibus antepones?

Vitruv IX praef. 9ff.: Entdeckung des spezifischen Gewichts bei der Herstellung der für Hieron bestimmten Krone (ηὗρηκα).

9. Archimedis vero cum multa miranda inventa et varia fuerint, ex omnibus etiam infinita sollertia id, quod exponam, videtur esse expressum. Nimirum Hiero enim Syracusis auctus regia potestate, rebus bene gestis cum auream coronam votivam diis inmortalibus in quodam fano constituisset ponendam, manupretio locavit faciendam et aurum ad sacomam adpendit redemptori. Is ad tempus opus manu factum subtiliter regi adprobavit et ad sacomam pondus coronae visus est praestitisse.

10. Posteaquam indicium est factum dempto auro tantundem argenti in id coronarium opus admixtum esse, indignatus Hiero se contemptum esse neque inveniens, qua ratione id furtum reprehenderet, rogavit Archimeden, uti in se sumeret sibi de eo cogitationem. Tunc is, cum haberet eius rei curam, casu venit in balineum, ibique cum in solium descenderet, animadvertit, quantum corporis sui in eo insideret, tantum aquae extra solium effluere. Idque cum eius rei rationem explicationis ostendisset, non est moratus, sed exsiluit gaudio motus de solio et nudus vadens domum versis significabat clara voce invenisse, quod quaereret; nam currens identidem graece clamabat HEYRÆKA HEYRÆKA.

11. Tum vero ex eo inventionis ingressu duas fecisse dicitur massas aequo pondere, quo etiam fuerat corona, unam ex auro et alteram ex argento. Cum ita fecisset, vas amplum ad summa labra implevit aquae, in quo demisit argenteam massam. Cuius quanta magnitudo in vasum depressa est, tantum aquae effluxit. Ita exempta massa quanto minus factum fuerat, refudit sextario mensus, ut eodem modo, quo prius fuerat, ad labra aequaretur. Ita ex eo invenit, quantum [ad] certum pondus argenti ad certam aquae mensuram responderet.

12. Cum id expertus esset, tum auream massam similiter pleno vaso demisit et ea exempta, eadem ratione mensura addita invenit ex aquae numero sextantum minore, quanto minus magno corpore eodem pondere auri massa esset quam argenti. Postea vero repleto vaso in eadem aqua ipsa corona demissa invenit plus aquae defluxisse in corona quam in aurea eodem pondere massa, et ita ex eo, quod fuerat plus aquae in corona quam in massa, ratiocinatus reprehendit argenti in auro mixtionem et manifestum furtum redemptoris.

Wichtige Werke

A. ist als genialer Mechaniker und Erfinder von Kriegsmaschinen bekannt. Diese Leistungen dienten ihm indes mehr der Gewinnung von Erkenntnissen auf dem Gebiet der reinen Mathematik, wo sein Hauptinteresse lag und wo er seine eigentliche Bestätigung suchte. Hier ging es ihm speziell um die Kreismessung sowie die Kugel- und Zylinderberechnung.

Drei Schriften von A. wurden im Altertum mbesonders viel gelesen, Über Kugel und Zylinder, Über Kreisberechnung (aus r π), Vom Gleichgewicht der Flächen (Statik). Interessant der Psammites (Sand…), Berechnung einer Zahl von Sandkörnern, die größer wäre als die welche das die Erde oder Universum füllen würde, mit in der Sprache nicht ausdrückbaren Zahlen – Infinitesimalrechnung [Teilgebiete der Mathematik, die auf dem Grenzwertbegriff aufbauen], erst in der Neuzeit wieder problematisiert (Herodot: Pythia-Orakel an Lyder):

Traun, ich zähle den Sand und kenne die Größe des Meeres,
Weiß, was der Stumme sich denkt, und höre des Schweigenden Worte;
Jetzt auch riech ich lieblichen Duft hartschaliger Schildkröt,
Welche mit Hammelfleisch in ehernem Topfe gekocht wird,
Erz ist darunter gelegt und Erz auch darüber gebreitet (I 47)

Eine Jugendschrift entwickelte eine mathematische Methodenlehre, der wir entnehmen, daß A. die Grundlagen der Integralrechnung gefunden hatte.

[Teilgebiet der Analysis, das sich mit der als Integration bezeichneten Rechenoperation befasst, die einer vorgegebenen Funktion f (x) entweder einen festen Zahlenwert (ihr bestimmtes Integral) oder eine andere Funktion (ihr unbestimmtes Integral) zuordnet.]

Πρόβλημα βόειον (Problema bovinum): Rätsel in Distichen; Aufgabe: die Zahl der verschiedenfarbigen Rinder des Helios auszurechnen (Πρόβλημα, ὅπερ ᾿Αρχιμήδης ἐν ἐπιγράμμασιν εὑρὼν τοῖς ἐν ᾿Αλεξανδρείᾳ περὶ ταῦτα πραγματευομένοις ζητεῖν ἀπέστειλεν ἐν τῇ πρὸς Ἐρατοσθένην τὸν Κυρηναῖον ἐπιστολῇ). Das Gedicht wurde von Lessing in einer Wolfenbütteler Handschrift gefunden, 1773 herausgegeben).

   Πληθὺν Ἠελίοιο βοῶν, ὦ ξεῖνε, μέτρησον

   φροντίδ’ ἐπιστήσας, εἰ μετέχεις σοφίης,

   πόσση ἄρ’ ἐν πεδίοις Σικελῆς ποτ’ ἐβόσκετο νήσου

   Θρινακίης τετραχῇ στίφεα δασσαμένη

   χροιὴν ἀλάσσοντα·τὸ μὲν λευκοῖο γάλακτος,              5

   κυανέωι δ’ ἕτερον χρώματι λαμπόμενον,

   ἄλλο γε μὲν ξανθόν, τὸ δὲ ποικίλον. Ἐν δὲ ἑκάστῳ

   στίφει ἔσαν ταῦροι πλήθεσι βριθόμενοι

   συμμετρίης τοιῆσδε τετευχότες· ἀργότριχας μὲν

   κυανέων ταύρων ἡμίσει ἠδὲ τρίτωι              10

   καὶ ξανθοῖς σύμπασιν ἴσους, ὦ ξεῖνε, νόησον,

   αὐτὰρ κυανέους τῶι τετράτωι τε μέρει

   μικτοχρόων καὶ πέμπτωι, ἔτι ξανθοῖσί τε πᾶσιν.

   Τοὺς δ’ ὑπολεπτομένους ποικιλόχρωτας ἄθρει

   ἀργεννῶν ταύρων ἕκτωι μέρει ἑβδομάτωι τε              15

   καὶ ξανθοῖς αὐτοὺς πᾶσιν ἰσαζομένους.

   [… ]

Wenn du Verstand hast und klug bist, Fremder, errechne die Menge der Rinder des Helios, die einst auf den Gefilden Siziliens weideten. Aufgeteilt waren sie auf vier Herden von verschiedener Farbe, eine milchweiß, eine andere tief schwarz, die dritte braun und die letzte gefleckt. In jeder Herde waren Stiere, mächtig an Zahl in folgendem Verhältnis. Beachte, Fremder, daß die weißen Stiere der Menge einer Hälfte und einem Drittel der schwarzen entsprachen zusammen mit der Gesamtheit der braunen, während die schwarzen dem vierten Teil und einem Fünftel der Gefleckten gleich waren zusammen mit, nochmals, der Gesamtmenge der Braunen. Beachte außerdem, daß die restlichen Stiere, die Gefleckten, gleich waren dem sechsten Teil und einem Siebtel der Weißen, zusammen mit allen der Braunen…

If thou art diligent and wise, O stranger, compute the number of cattle of the Sun, who once upon a time grazed on the fields of the Trinacian [three-cornered] isle of Sicily, divided into four herds of different colors, one milk white, another a glossy black, a third yellow and the last dappled. In each herd were bulls, mighty in number according to these proportions: Understand, stranger, that the white bulls were equal to a half and a third of the black together with the whole of the yellow, while the black were equal to the fourth part of the dappled and a fifth, together with, once more, the whole of the yellow. Observe further that the remaining bulls, the dappled, were equal to a sixth part of the white and a seventh, together with all of the yellow. … (1–16)             Archimedes

Only with modern computers it was possible to obtain this number. The problem was solved by Amthor showing that the smallest solution has 206545 digits. Amthor provided the 4 first digits who reduced the problem to a Pell equation. The smallest total cattle number was calculated 1981 using a CRAY-1 computer in about 10 minutes.

The first and last digits of one solution are:

77602714064868182695302328332138866642323224059233 ...05994630144292500354883118973723406626719455081800

I don’t know what anybody would do with a solution, once found, except use it as a piece of mathematical wall-paper!

D. H. Fowler

Ilan Vardi in 1998 obtained using the Computer Program Mathematica a simple formula for the solution. It is the smallest integer number that exceeds the number

(p/q)(a+b*sqrt(4729494))4658

Where
p = 25194541,
q = 184119152,
a = 109931986732829734979866232821433543901088049 and
b = 50549485234315033074477819735540408986340

http://www.mlahanas.de/Greeks/ArchimedesMath2.htm

Ilan Vardi, Archimedes’ Cattle Problem:
http://math.nyu.edu/~crorres/Archimedes/Cattle/cattle_vardi.pdf

Stomachion: siehe auch hier

 

Theokritos (Syrakus; 1. H. 3. Jh.):
Bukolik; ––>
Alexandreia

[Kyklops (Polyphem und Galatea)]

HklAW VI ii,1, Seite 141ff.

Von ihm wurde schon oben gesprochen.

Geburt in Syrakus, Leben und Wirken in der Weltstadt Alexandreia unter Intellektuellen.

Ursprung der bukolischen Dichtung, lange Nachwirkung (Vergil, Longos, Rokoko). Bei Th. sind die Hirten ihren realen Vorbildern noch näher (Anschauung), entscheidend jedoch literarische Stilisierung. Was wir erleben, sind Stadtmenschen auf einem Landausflug, nicht das Landleben. Alles kunstvoll komponiert, Erotik sentimentalistisch.

Refrainvers erzeugt Steigerung wie Monotonie.

Frauen am Adonisfest machen Alltagsleben braver Bürgerfrauen in der Großstadt lebendig, Klatsch, Nörgelei.

Begriff: eidyllia, bedeutet »kleines Stück«

Sinn für Einfaches, verbunden mit Kunst und Künstelei

Als Spielereien entstehen Figurengedichte (Panflöte, Ei; vgl. Morgensterns Trichtergedicht).

Philostratos: Eikones, S. 229 (2,18): Der Kyklop; dazu Wandgemälde Pompeji Reg. I, 7, 7 (3. Stil)

 

Moschos (Syrakus; 150):
Bukolik

Alexandreia [Europa]

HklAW VI ii,1, Seite 151f.

Braver und weniger raffiniert als Theokrit.

 

Diodoros Sikelos (Agyrion; 1. Jh.):
Historiker

Werk: Bibliotheke. 40 Bücher. griechische und römische Geschichte für ein breites Publikum, breiter Raum für seine Heimatinsel, wertvolle Quelle für viele Details, soweit erhalten. Das späteste erwähnte Ereignis ist die Verlegung einer römischen Kolonie nach Tauromenion, sonst reichte die Darstellung bis zu Caesars Eroberung Britanniens. Zum guten Teil geeignet zur Rekonstruktion der Quellen (Autoren), aus denen er schöpfte. Sprache: Koiné, also kein »Sizilisch«.

 

Caecilius [Archagathos] (Kale Akte; 1, Jh.)

Rom, Rhetor, Historiker [Geschichte der sizilischen Sklavenkriege]

HklAAW VII,ii.2 S. 353ff.

Antonio D'Andria Cecilio di Calatte (ital.), nicht mehr verfügbar, siehe aber
www.biblio-net.com

 

 

Zum Abschluß: Cicero über die Sizilier

Numquam tame male est Siculis, quin aliquid facete et commode dicant.
Niemals geht es den Siziliern so schlecht, daß sie nicht noch einen zünftigen Witz machten.

 

 

Notiz

Kallimachos und Galateia: Galatos ist Stammvater der Kelten (fr. 378/9 Pfeiffer).

Momigliano: Hochkulturen im Hellenismus S.78: Gallierinvasionen, Reaktionen der griechischen Intellektuellen

 

Griechisches Vasenbild: Die drei ›Ecken‹ Siziliens als ›laufende Beine‹ (Museum von Agrigent)

 

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh. 2011 (Text – bis auf die Zitate –, Karte und Foto)

Der hier gebotene Vortragstext ist in Teilen bearbeitet, in manchen Partien jedoch noch nicht fertig ausgearbeitet (ursprünglich mündlicher Vortrag). Die Darstellung der griechischen Texte ist auf die Fonts Palatino Linotype bzw. Arial Unicode MS ausgerichtet.