Takis Varvitsiotis

Saht ihr sie nicht am anderen Ufer …?

Saht ihr sie nicht am anderen Ufer
Saht ihr sie nicht am Rand eines Abgrunds
Wie sie stumm einen Abschied spann
Gegen Ende des Abends?

O Licht und Verneinung des Lichts
Unvergänglich reine Braut
Mitten im finstersten Strömen des Flusses
Leuchtende Wunde
Als die tiefe Nacht herabfiel

Doch ich fürchte nichts mehr
Ich kenne jetzt alle Falten des Schicksals
Ich kenne jetzt das Herz
Ich kenne jetzt den Speer der das Herz durchbohrt
Die Augen die frei strahlen
Und die Augen die zugegipst sind
Die Hände die das Gras streicheln
Und die Hände die vom Gras überflutet werden
Den jähen senkrechten Fall
Den nichts aufhält

O du allein schweigsam
Schöner noch als der Blitz
Wenn er deine fahlen Lippen blutig färbt
Ich bin schon bereit umherzuirren
In einer rauheren Kälte
Um dir zu begegnen
Du schwarzgekleidet in der Weiße
Des anderen Tags der heraufkommt

Aus dem Neugriechischen von Helmut Schareika

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh., 2011

 

Näheres zu Takis Varvitsiotisos (1916–2011, Dichter, korrespondierendes Mitglied der Akademie von Athen) siehe hier (auch: griechisch).


Werke auf deutsch: Gedichte. Ausgewählt, eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von Evangelos Konstantinou Griechisch / Deutsch, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2000, 320 S.

Zum Dichter:
»Takis Varvitsiotis ist einer der großen Dichter Neugriechenlands, der die antik-griechische lyrische Tradition erfolgreich fortsetzt und mit dem Reichtum seiner Sprache, seinen unnachahmlichen Bildern und Metaphern und nicht zuletzt mit der Musikalität seiner Verse neu belebt. Seine dichterische Stimme hat längst ein großes Echo gefunden, nicht nur in Griechenland, sondern auch im Ausland, wie die zahlreichen Ehrungen sehr deutlich zeigen. Der deutsche Leser wird in Varvitsiotis' Lyrik auch seine geistige Verwandtschaft mit den klassischen deutschen Dichtern entdecken und gleichzeitig den Zugang nicht nur zu dem antiken, sondern auch zum neuen Hellas finden.
Die moderne griechische Lyrik spielt im Konzert der europäischen Moderne eine relevante Rolle. Dies zeigt sich in exemplarischer Weise in den Gedichten des Takis Varvitsiotis. Sie sind geprägt durch die für die Moderne, die klassische Moderne, bezeichnenden Symptome der Einsamkeit, der Melancholie, des Finalbewußtseins. Es ist das einsame, melancholische Subjekt, das sich in der Poesie, in beziehungsreichen Bildern und Sentenzen, seiner selbst zu vergewissern und einen Kontakt zur Welt herzustellen versucht. Diese Lyrik ist reich an Metaphern und Symbolen und zugleich von einer verhaltenen, fast verschwiegenen Tonlage. Es vollzieht sich eine Ich-Aussprache, in der durch poetische Entwürfe die Entfremdung zwischen Subjekt und Welt überwunden und eine Welt jenseits der kruden Realität, eine reinere, ursprünglichere Welt, vergegenwärtigt wird. Es wäre nun allerdings ein Mißverständnis, würde man die Lyrik Varvitsiotis' als Flucht in den Elfenbeinturm der absoluten Kunst interpretieren. Es geht diesem Lyriker, wie überhaupt den modernen griechischen Autoren, um reine Poesie, um Poésie pure, aber das schließt Realitätsnähe, Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte, nicht aus. Varvitsiotis ist ein politisch engagierter Autor, ein Moralist der Menschlichkeit. Wenn die moderne griechische Lyrik im europäischen Kontext gesehen werden muss, so zeigt sich doch zugleich eine eigene Physiognomie.
Es ist vor allem das sympathetische Verhältnis zur Welt, das sie von der in der modernen Lyrik vielfach zu beobachtenden Weltverneinung, ja Weltfeindlichkeit unterscheidet.«

(Dieser Text auf:
http://www.buecher.de/shop/neugriechisch/gedichte/varvitsiotis-takis/products_products/detail/prod_id/25251064/ )