Helmut Schareika

... auf der marmornen Tenne

Zwei neugriechische Volkslieder aus älterer Zeit
Im Versmaß übertragen von HS

Im folgenden Beitrag werden zwei griechische Volkslieder vorgestellt. Sie geben einen kleinen Einblick in die volkstümliche literarische Überlieferung, die sich fern von den Kapitellen und Architraven der gelehrten Welt vollzog. Ein Motiv verbindet die beiden Beispiele jedoch mit der Antike: die Gestalt des Charon/Charos. Der wiederum ist für uns eher eine Randerscheinung in unserer Rezeption der griechischen Antike.

Das Volkslied – δημοτικό τραγούδι – nimmt in der Geschichte der (neu-)griechischen Literatur einen festen Platz ein. Der Begriff bezeichnet dabei i. allg. als Terminus die Lieder aus der Epoche der Turkokratie, soweit sie anonym überliefert sind und als volkstümliche Schöpfungen gelten können. Ihre Sprache ist das gesprochene Griechisch ohne gelehrte archaisierende Einflusse, weitestgehend mit dem heutigen Griechisch identisch, freilich oft gepragt von regionalen und/oder heute obsoleten Ausdrucken. Das vorherrschende Versmaß ist ein jambischer Fünfzehnsilbler, der sog. »politische Vers« (πολιτικικός στίχος); Herkunft und Bedeutung des Begriffs sind nicht zweifelsfrei geklärt. Dieses Versmaß kann mit gewissem Recht als »nationales griechisches Versmaß« bezeichnet werden.

Als Volksdichtung spiegelt das δημοτικό τραγούδι die kollektiven Erfahrungen, Nöte und Freuden des sozialen Raumes wider, dem es entstammt – d. h. dem der Hirten der Berge, der Bauern des Flachlandes, der Viehzüchter, auch der Bewohner der osmanischen Städte –, insbesondere aber auch die historischen Ereignisse der jeweiligen Zeit wie den Fall Konstantinopels.

In ihrer Gesamtheit bilden diese Lieder mit ihrer treuen Darstellung der Realität ein eindrucksvolles Reservoir an Informationen über mehr als drei Jahrhunderte griechischer Geschichte, sie sind sozusagen lebendige Archive mündlicher Überlieferung. Das δημοτικό τραγούδι zeigt eine Tradition, in der die klassische Antike nicht vorkommt. Kein Wunder: Jahrhunderte liegen dazwischen, und sowohl die Führungsschicht wie das Volk des Byzantinischen Reiches haben sich nicht als Nachfahren der Alten Griechen verstanden – das einigende Band war die Orthodoxie. (Erst in den letzten Jahren sozusagen des Reiches bildeten sich bei einer gelehrten Minorität solche Vorstellungen heraus, als Byzanz durch seine beiden Gegner, die Europäer und die Türken, erschüttert wurde.)

Im folgenden werden zwei kürzere Lieder, begleitet von einer Versübersetzung, vorgestellt. die zwei bedeutende Gruppen des δημοτικό τραγούδι repräsentieren: die sog. Akritischen Lieder und die Kleftenlieder. Das in beiden Beispielen vorfindliche Motiv des (vergeblichen) Kampfes mit Charon (neugr. Charontas oder Charos) ist in der volkstümlichen Literatur stark verbreitet und hat auch in andere Literaturschöpfungen Eingang gefunden.

 

Text 1 : Ein Akritisches Lied

Die Ακριτικά τραγούδια gehen zurück bis auf die Zeit des 9. Jahrhunderts. Sie sind uber die ganze griechische Welt verbreitet gewesen, von Kappadokien bis Korfu, von Trapezunt bis Kreta. Diese Lieder reflektieren Leben und Kampfe der ἀκρίται, d. h. der Bauern-Krieger, die das Oströmische Reich zum Schutz seiner Ostgrenze (ἄκρα: Grenze) insbesondere am Euphratufer gegen die Araber angesiedelt hatte. Die Akriten waren beeinflußt von der Kultur und der Gedankenwelt der Araber, mit denen sie ja in beständigem unmittelbaren Kontakt standen. Unter den Akriten bildete sich die Paulikianer-Bewegung heraus, eine antiklerikale, dem Manichäismus verwandte Ideologie. Von Basileios I. im 9. Jh. bekämpft, unterlagen sie schließlich und wurden vertrieben – ihre Spuren reichen über die Bogumilen Bulgariens und Bosniens bis zu den Katharern Südfrankreichs.

Der mythische Held dieser Auseinandersetzungen ist der berühmte Digenis Akritas, Sohn eines Emirs und einer Christin (δι-γενής: »zwie-geboren«), der gegen Ungeheuer genauso kämpfte wie gegen die Amazone Maximo, gegen die Araber wie vor allem gegen den Kaiser von Byzanz. Um diesen Helden rankt sich ein Zyklus von Liedern, aber auch ein eindrucksvolles Epos, das in verschiedenen Versionen erhalten ist. Eine große Gruppe der Akritischen Lieder weist das Motiv des Kampfes des Digenis mit Charon auf. Während der Digenis des Epos im Bett in den Armen seiner liebenden Frau stirbt, ist er in den Liedern auf der Flucht vor Charon und versucht, ihm zu entrinnen. Es ist die Niederlage der Akriten in ihrem Kampf gegen den Kaiser (und gegen die byzantinischen Feudalherren überhaupt), die sich hinter dem Bild des Kampfes des Digenis gegen Charon verbirgt. Die Attribute des Erzengels Michael, die Charon hier tragt, sind zu lesen als ein Bild dafür, daß Kirche und Klerus auf Seiten des Kaisers stehen. Die entschiedene Haltung, mit der Digenis dem Charon gegenübertritt, ist also zu entziffern als Kampf zur Verteidigung des Rechtes auf Leben, als Aufbegehren gegen die Allmächtigkeit des Gegners.

Freilich ist in den erhaltenen Akritischen Liedern der historische Hintergrund in weite Ferne geruckt. Ihre Verbreitung und ihre allgemeine Thematik (zu der übrigens auch Liebesabenteuer des Digenis gehören) zeigen, daß sie offenbar eine übergreifende Identifikationsmöglichkeit boten, die daher von manchen als Kern eines authentischen griechischen Nationalbewußtseins gedeutet wird.

 

Μονομαχία του ήρωα Διγενή με τον Χάρον

 

Τρίτ' έγεννήθ' ό Διγενής, τρίτη θε να παιθάνη.
Στέλνει, φέρνει τούς φίλους του, όλους τ'ς ανδρειωμένους,
Ν' αρθ' ο Μηνάς, ο Μαυραϊλής κι' αυτός ό υιός τουΔράκου.
Κ' επήγαν και τον ηύρανε στον κάμπον ξαπλωμένο.
Βογγάει, τρέμουν τα βουνά, βογγάει, τρέμουν οι κάμποι.
»Σαν τί να σ' ηύρε, Διγενή, και θέλεις να παιθάνης;«
»Ογδόντα χρόνους έζησα εις τον απάνω κόσμο,
Κανέν' δεν εφοβήθηκα από τ'ς ανδρειωμένους·
Τώρα είδα ένα ξυπόλυτο καί λαμπροφορεμένο,
Φορεί τουήλιου τα μαλλιά, τής αστραπής τα μάτια.
Με κράζει να παλεύσωμε στα μαρμαρένι' αλώνια,
Κ' όποιος νικήσ' από τους δυο, να παίρνη τη ψυχή του.«
Κ' επήγαν κ' επαλεύσανε στα μαρμαρένι' αλώνια,
Κι' όθε κτυπάει ο Διγενής, το αίμα αυλάκι κάνει·
Κι' όθε κτυπάει ο Χάρωντας, το αίμα τράφο κάνει.

 

 

 

Zweikampf des Helden Digenis mit Charon

Dienstag ward' Digenis geborn, am Dienstag wird er sterben.
Er schickt und holt die Freunde her, die tapfren Kampfgefährten,
Daß Minas komm und Mavrailis und auch der Sohn des Drakos.
Sie gingen und sie fanden ihn auf seinem Felde liegend.
Er stöhnt, die Berge beben all, er stöhnt, die Felder beben.
»Was, Digenis, was ist mit dir, sag, willst du etwa sterben?«
»Ich habe achtzig Jahr' gelebt auf dieser Welt hier oben,
Gefürchtet hab ich niemanden von allen tapfren Männern;
Barfüßig sah ich einen jetzt in strahlenden Gewändern,
Er tragt des Sonnenkranzes Haar und tragt des Blitzes Augen.
Er ruft mich, kämpfen sollen wir auf der marmornen Tenne,
Und wer von beiden schließlich siegt, der nehm' des andern Seele.«
Sie gingen und sie kämpften dort auf der marmornen Tenne,
Wenn Digenis 'nen Schlag geführt, bildet das Blut ein Rinnsal;
Wenn Charon einen Schlag geführt, bildet das Blut 'nen Graben.

 

Text 2: Ein Kleftenlied

Trotz aller Unterschiede zwischen den Akritischen und den Kleftenliedern zeichnet sie eine gemeinsame Atmosphäre aus – Ausdruck verwandter Thematik und Motivik, Ausdruck der Anverwandlung im Laufe der mündlichen Überlieferung. Die Κλέφτικα τραγούδια spiegeln Leben und Kampfe der Kleften, der Briganten Griechenlands zur Zeit der Türkenherrschaft. Die Kleften rekrutierten sich aus unzufriedenen Bauern und Viehzüchtern, die sich in die Berge zurückzogen, um dort Freiheit zu finden und um von dort aus zu plündern: ihre Gegner waren nicht nur die muselmanischen Türken, sondern genauso die privilegierten Christen, die sich mit den Türken arrangiert hatten. Wie bei jeder Form von Brigantentum waren die Grenzen zwischen Rebellentum und Kriminalität fließend. Ihr Name κλέφτες: »Diebe« wurde jedenfalls zum – teils romantisch verklärten – Ehrennamen der griechischen Freiheitskämpfer gegen die osmanische Herrschaft. Die Lieder, die ihre Taten und ihr Leben besingen, nehmen daher eine herausragende Stellung innerhalb der δημοτικά τραγούδια ein. Ihre Motive sind die des Lebens in der Trennung von der Familie, von Frau und Kindern, der Bedrohung in der Einsamkeit der Berge und natürlich des Kampfes. Die Lieder zeigen oft die Absurdität der aufgezwungenen Lebensumstände und vermitteln Mut, sie zu bewältigen. Dieser Mut drückt sich in unserem Beispiel im entschlossenen Kampf gegen Charon aus.

 

Ο βοσκός και ο Χάρος

Λεβέντης ερροβόλαεν από τα κορφοβούνια·
Είχε το φέσι του στραβά, και τα μαλλιά κλωσμένα.
Κ' o Χάρος τον αγνάντευεν από ψηλήν ραχούλαν,
Καιεις στενόν κατέβηκε, κ' εκεί τον καρτερούσε–
»Λεβέντη, πόθεν έρχεσαι; λεβέντη, που πηγαίνεις;«
— »Από αά πράτα έρχομαι, στο σπήτί μου πηγαίνω·
»Πάγω νά πάρω τό ψωμί, κ' οπίσω νά γυρίσω.«
— »Κ' έμένα μ' έστειλ' o Θεός νά πάρω την ψυχήν σου.«
— »Άφσε με, Χάρε, άφσε με, παρακαλώ, να ζήσω·
»Έχω γυναίκα πάρα νεάν, και δεν της πρέπει χήρα·«
»Αν περπατήση γλίγωρα, λέγουν πώς θέλει άνδρα,
»Κι αν περπατήση ήσυχα, λέγουν πως καμαρόνει.
»Έχω παιδιά ανήλικα, και όρφαν' απομνήσκουν.«
— Κ' ο Χάρος δεν τον άκουε, κ' ήθελε να τον πάρη.
»Χάρε, σαν αποφάσισες καί θέλεις νά με πάρης,
Για! έλα νά παλαίψωμε 'σ τό μαρμαρένι' αλώνι·
Κ' αν με νικήσης, Χάρε μου, μου παίρνεις την ψυχήν μου·
Κ' αν σε νικήσω πάλ' έγώ, πήγαινε 'σ το καλόν σου.«
— Επήγαν και επάλευαν απ' το πώρν' ως το γεύμα,
Κ' αυτού κοντά 'σ το δειλινόν τον καταβάν' ο Χάρος.

 

 

 

Der Schäfer und Charon

Ein junger Mann sprang flink herab von hohen Bergesgipfeln;
Den Fez hatt' er schräg aufgesetzt, die Haare schon geordnet.
Von weit erblickte Charon ihn von hohem Bergesrücken,
Zu einem Paß stieg er hinab und tat ihn dort erwarten.
»Du junger Mann, wo kommst du her? Du Jüngling, wohin gehst du?«
 Von meinen Herden komme ich und gehe jetzt nach Hause.
Um Brot zu holen geh' ich hin und dann zurückzukehren.«
»Und mich, mich hat Gott hergesandt, daß deine Seel' ich hole.«
»Laß von mir, Charon, laß von mir, ich bitt', ich mochte leben;
Ich hab' eine sehr junge Frau, verdient noch nicht die Witwe!
Geht sie mal schnell, so heißt es gleich, daß einen Mann sie wolle,
Und geht sie langsam, heißt es gleich, daß sie die Stolze spiele.
Unmünd'ge Kinder hab' ich auch, verwaist wurden sie bleiben.«
Doch Charon horte nicht auf ihn und wollt' ihn mit sich nehmen.
»Charon, wenn du's beschlossen hast und willst mich mit dir nehmen,
Nun gut, so komm, wir kämpfen hier auf der marmornen Tenne;
Und wenn du, Charon, mich besiegst, so nimmst du mir die Seele;
Und wenn ich siege über dich, so geh in Gottes Namen.«
Da gingen und da kämpften sie von morgens bis zum Mittag,
Und um die Abendstunde dort, da warf ihn Charon nieder.

 

 

Schlußbemerkung

Die beiden hier vorgestellten Lieder (zu denen andere, auch umfangreichere Versionen gehören) können nur einen ganz oberflächlichen und thematisch extrem eingeschränkten Einblick in eine wichtige Traditionslinie des modernen Griechenlands geben, das δημοτικό τραγούδι hat mit Brechungen und Metamorphosen, aber in einem durchaus kontinuierlichen Fluß poetischen Ausdrucks dichterischer Kommunikation seine Fortsetzung – so kann man sagen – im seit dem 2. Weltkrieg weltweit bekannt gewordenen Bouzouki gefunden. Dessen Melodien und Texte stellen, analog zum δημοτικό τραγούδι, das einzige für die heutige moderne Stadt spezifische Genre dar, in dem sich Frustrationen und Traume, Lebenskampf und Kritik der Unterprivilegierten ausdrücken. Ein kurzes Beispiel eines Bouzouki (von Stelios Kazantzidis, 1931–2001) aus dem Αthen Anfang der sechziger Jahre, dem Beginn der griechischen Arbeitsmigration (Abkommen zwischen der BRD und Griechenland 1960), stehe am Schluß; es zeigt die für viele Bouzouki-Texte typische holzschnittartige Interpretation der sozialen Zwänge und führt uns zu einem zentralen Punkt der Begegnung zwischen uns und den heutigen Griechen.

 

Στά κάτεργα της Γερμανίας
και στου Βελγίου τις στοές
πόσα παιδιά σκληρά δουλεύουν
καί πλαίνε οί μάνες μοναχές!

Κακούργα μετανάστεψη,
κακούργα ξενητειά,
μας πήρες απ' τον τόπο
μας τα πιό καλά παιδιά ...

 

In den Knochenmühlen Deutschlands
und in den Gruben Belgiens –
wie viele Jungs arbeiten dort so hart,
und einsam weinen ihre Mütter! 

Verbrecherische Emigration,
erbarmungslose Fremde,
nahmst uns aus unserem Lande
die besten Jungen fort...

 

Anmerkungen zu den Liedern:
• ανδρειωμένοι: Konventioneller Begriff in den Liedern für die »mannhaften« Akriten.
• Bei den Namen in den Akritischen Liedern handelt es sich um konventionelle Namen; der Name Mavrailis kann über sonst vorkommende Varianten Miralis, Miriolis, Emiralis als der »Emir« (Εμίρης) aus dem großen Akritas-Epos gedeutet werden.

 

Die originale Orthografie der Texte wurde hier beibehalten, die Akzentsetzung jedoch der heutigen monotonischen angepaßt

 

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh. 2011