Nikiforos Vrettakos
Νικηφόρος Βρεττάκος

Τα τραίνα – Die Züge

Mich nehmen immer wieder die Züge mit und fahren mich umher,
wie einen Verbannten, von dem sie nicht wissen, wo sie ihn lassen sollen,
wie einen Gefangenen, den sie keinem Gefängnis überlassen
– einen Gefangenen, der seinen Fehler nicht kennt,
es sei denn, daß Trauer um das Leben Mord wäre, es sei denn, das Herz, das liebt, hätte seinen Verstand verloren.

Freie Fahrt zeigen den Gleisen die Signale,
die Züge fahren über die Grenzen nach dort,
über die Grenzen nach hier, und ich befinde mich am Fenster,
bin immer auf Reisen. Es prüfen die Kontrolleure meine Papiere,
schauen aufmerksam hin auf mein Gesicht
mit den tiefen Falten, das voll ist
von Unterschriften und Stempeln: »Sie können weiterfahren …«
Und ich setze die Fahrt fort, bis, ich weiß nicht wo, wann und wie,
mir den Paß abnehmen wird der große Stationsvorsteher.

1972

Η διανομή – Die Verteilung

Das Wahrscheinlichste ist, daß mich keiner fragen wird,
was ich aus meiner Seele gemacht habe. Doch ich
bin eine Antwort schuldig, bevor ich abschließe meinen metrischen
Monolog.
                     Also,
meine Seele habe ich mit einer schmerzhaften Schere in kleine
Blätter geschnitten, in kleine Zettel, kleine Blitze,
und ich verteile sie an die Vorbeigehenden.

1972

Aus dem Neugriechischen von Helmut Schareika
anläßlich des 100. Geburtstags von N. V.

© Dr. Helmut Schareika, Gau-Algesheim a. Rh., 2012

 

Näheres zu Nikiforos Vrettakos (1.1.1912–4.8.1991, einem der wichtigsten modernen Dichter Griechenlands, Schriftsteller, Widerstandskämpfer im 2. Weltkrieg aufseiten des EAM, gefährdeter Gegner der faschistischen Militärdiktatur 1967–1974 mit selbstgewähltem Exil, 1987 Mitglied der Akademie von Athen: siehe hier (engl.; auch: griechisch).


Werke auf deutsch: Jenseits der Furcht. Ausgewählt, übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Isidora Rosenthal-Kamarinea, Griechisch / Deutsch, München (Jugend und Volk) 1973, 112 S.; mit Zeichnungen von Christine Lichthardt.