Zweikampf des Helden Digenís mit Charon

Dienstag wurd' Digenis geborn, am Dienstag wird er sterben.
Er schickt und holt die Freunde her, die tapfren Kampfgefährten,
Daß Minas komm und Mavrailís und auch der Sohn des Drakos.
Sie gingen und sie fanden ihn auf seinem Felde liegend.
Er stöhnt, die Berge beben all, er stöhnt, die Felder beben.
„Was, Digenís, was ist mit dir, sag, willst du etwa sterben?”
„Ich habe achtzig Jahr' gelebt auf dieser Welt hier oben,
Gefürchtet hab ich niemanden von allen tapfren Männern;
Barfüßig sah ich einen jetzt in strahlenden Gewändern,
Er trägt des Sonnenkranzes Haar und trägt des Blitzes Augen.
Er ruft mich, kämpfen sollen wir auf der marmornen Tenne,
Und wer von beiden schließlich siegt, der nehm' des andern Seele.”
Sie gingen und sie kämpften dort auf der marmornen Tenne.
Wenn Digenis 'nen Schlag geführt, bildet das Blut ein Rinnsal;
Wenn Charon einen Schlag geführt, bildet das Blut 'nen Graben.


Der Schäfer und Charon

Ein junger Mann sprang flink herab von hohen Bergesgipfeln;
Den Fez hatt' er schräg aufgesetzt, die Haare schön geordnet.
Von weit erblickte Charon ihn von hohem Bergesrücken,
zu einem Paß stieg er hinab und tat ihn dort erwarten.
„Du junger Mann, wo kommst du her? Du Jüngling, wohin gehst du?”
„Von meinen Herden komme ich und gehe jetzt nach Hause.
Um Brot zu holen geh' ich hin und dann zurückzukehren.”
„Und mich, mich hat Gott hergesandt, daß deine Seel' ich hole.”
„Laß von mir, Charon, laß von mir, ich bitt', ich möchte leben;
Ich hab' eine sehr junge Frau, verdient noch nicht die Witwe!
Geht sie mal schnell, so heißt es gleich, daß einen Mann sie wolle,
Und geht sie langsam, heißt es gleich, daß sie die Stolze spiele.
Unmünd'ge Kinder hab' ich auch, verwaist würden sie bleiben.”
Doch Charon hörte nicht auf ihn und wollt' ihn mit sich nehmen.
„Charon, wenn du's beschlossen hast und willst mich mit dir nehmen,
Nun gut, so komm, wir kämpfen hier auf der marmornen Tenne;
Und wenn du, Charon, mich besiegst, so nimmst du mir die Seele;
Und wenn ich siege über dich, so geh in Gottes Namen.”
Da gingen und da kämpften sie von morgens bis zum Mittag,
Und um die Abendstunde dort, da warf ihn Charon nieder.

 

Aus dem Neugriechischen im Versmaß übertragen von Helmut Schareika.
Zuerst erschienen in: Der altsprachliche Unterricht, 1992, Heft 5
Dazu der Beitrag...auf der marmornen Tenne. Zwei neugriechische Volkslieder aus älterer Zeit.

 

Unten: Kentaure (Cheiron) mit Leier. Neuzeitlicher griechischer Holzschnitt

In dem zugehörigen Beitrag werden die zwei hier wiedergegebenen griechischen Volkslieder näher vorgestellt. Sie geben einen kleinen Einblick in die volkstümliche literarische Überlieferung im neuzeitlichen Griechenland, die sich fern von den Kapitellen und Architraven der gelehrten Welt vollzog. Ein Motiv verbindet die beiden Beispiele jedoch mit der Antike: die Gestalt des Charon/Charos. Der wiederum ist für uns eher eine Randerscheinung in unserer Rezeption der griechischen Antike.

© Helmut Schareika, Gau Algesheim a.Rh. 1992–2005